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Portrait Dr. Burkhard Ruppert
22.01.2026

Berlin steuert auf die Versorgungslücke zu – mit Ansage.


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Kathrin Weiß, Pressesprecherin
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Editorial von Dr. Burkhard Ruppert: Schönreden hilft nicht!

In vielen Gesprächen werde ich gefragt, wann die Versorgungslage in Berlin endlich besser wird. Oft wird erwartet, dass ich Hoffnung mache und in Aussicht stelle, bald werde sich die Situation in Berlin entspannen. Aber wir müssen uns ehrlich machen: Es wird nicht viel besser, es wird eher noch schlimmer.

Berlin steht vor einer beispiellosen Herausforderung in der ambulanten Versorgung – und sie ist längst Realität. Schon heute sind einige Regionen unserer Stadt kritisch unterversorgt, vor allem im Osten Berlins. Doch die eigentliche Welle rollt erst noch auf uns zu. Wir erleben eine doppelte demografische Entwicklung: Unsere Gesellschaft wird älter – und unsere Ärzteschaft ebenfalls.

Schon 2025 war über ein Drittel der Berliner Ärzt:innen über 60 Jahre alt, 2040 fast die Hälfte. Wir wissen nicht, ob der ärztliche Nachwuchs ausreicht, um die entstandene Lücke schließen zu können. Hinzu kommt: Immer mehr junge Ärzt:innen möchten in Teilzeit arbeiten – aus nachvollziehbaren Gründen. Das bedeutet: Mehr Köpfe im System, aber weniger Arztzeit.

Gleichzeitig wächst Berlin – am stärksten dort, wo die Versorgung ohnehin am schwächsten ist. In Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Lichtenberg wächst die Bevölkerung rasch, besonders bei den unter 18-Jährigen. In denselben Bezirken liegt die Erkrankungsrate über dem Berliner Durchschnitt. In den Außenbezirken werden die Ärzt:innen immer älter, die Menschen dort sind häufiger krank, und gleichzeitig wächst die Bevölkerung rasant – eine problematische Entwicklung.

Wir als KV Berlin haben viel unternommen, um gegenzusteuern. Seit 2021 teilen neue Planungsbezirke die Stadt gezielter ein, sodass neue Hausarztsitze dort entstehen, wo sie wirklich gebraucht werden. Wir fördern Neuniederlassungen und Praxisübernahmen mit Anschubfinanzierungen, unterstützen Anstellungen und Praxisassistenzen und begleiten Ärzt:innen auf dem Weg in die ambulante Versorgung.

Mit unseren KV-Praxen schaffen wir moderne Anstellungsmodelle: weniger Bürokratie, mehr Teamarbeit und eine bessere Versorgung direkt vor Ort. Vier dieser Praxen arbeiten bereits erfolgreich in Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick, eine fünfte folgt im April diesen Jahres 2026.

Und doch müssen wir ehrlich sagen: Trotz steigender Arztzahlen verbessert sich der Versorgungsgrad kaum. Das starke Bevölkerungswachstum in Berlin frisst unsere Erfolge auf. Wenn wir jetzt nicht gemeinsam mit der Politik handeln, wird die Notlage aus den Ostbezirken bald auch andere Teile der Stadt erreichen.

Darum sage ich klar: Wir brauchen einen Systemwechsel. Die Vorstellung, jederzeit, an jedem Ort und ohne Steuerung Zugang zu allen ärztlichen Leistungen zu haben, ist überholt. Es braucht eine verpflichtende und intelligente Patientensteuerung, unterstützt durch digitale Angebote wie die 116117, und orientiert an den Grundsätzen: digital vor ambulant vor stationär.

Das Wirtschaftlichkeitsgebot darf nicht allein für die Ärzt:innen gelten. Auch Patient:innen müssen Verantwortung übernehmen und sich an denselben Prinzipien orientieren: Medizinische Leistungen sollen nicht nur ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich erbracht, sondern auch in diesem Sinne in Anspruch genommen werden. 

Zugleich brauchen wir eine gerechte Vergütung für alle Fachgruppen, die die ambulante Versorgung tragen. Nachwuchsförderung darf keine Einzelinitiative mehr sein, sondern muss eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden. Nur so können wir die ambulante Medizin als tragende Säule der Gesundheitsversorgung sichern.

Berlin hat das Potenzial, hier Vorreiter zu sein – wenn wir uns trauen, ehrlich hinzusehen und entschlossen zu handeln.

Schönreden hilft nicht. Gestalten hilft.