Impflücken sind auch Informationslücken

Impfkampagne der KV Berlin mit Partnern*

Berlin, 18.06.2015. Für alle Impfungen gilt schon lange die Annahme: Aufklärung erhöht die Bereitschaft, sich mit dieser einfachen Maßnahme gegen potenziell gefährliche Krankheiten zu schützen. Dass diese Annahme stimmt, wird derzeit deutlich am Beispiel der immer noch anhaltenden Masernepidemie, von der mit aktuell 1.298 Fällen (Stand: 18.06.2015, 10 Uhr) besonders Berlin betroffen ist. Denn die Umsätze für Masernimpfstoff stiegen in der Stadt im Vergleich zu den jeweiligen Monaten des letzten Jahres im Februar und März 2015 um jeweils mehr als 40 Prozent, im April noch um fast ein Viertel. Erste Hintergrundanalysen zeigen, dass der Grund für diese Steigerung die umfassende Berichterstattung ist (1).

Das größte Impfhindernis sind demnach nicht „Impfgegner“, die Impfungen aus ideologischen Gründen ablehnen. Hier waren sich die vier Experten des Pressegesprächs der KV Berlin am Dienstag einig: Dies sei eher eine kleine Gruppe von nur etwa 3-5 Prozent der Bevölkerung. Man sehe das zum Beispiel in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, denn hier gelinge es ja, für die beiden notwendigen Masernimpfungen der Grundimmunisierung im Kindesalter jeweils eine Quote von 95 Prozent zu erreichen, so Dr. Helmut Körngen, Pädiater und Beratungsarzt der KV Berlin. 95 Prozent sind die Marke für die sogenannte Herdenimmunität: Dann sind auch Menschen geschützt, die sich selbst nicht impfen lassen können und die Masern könnten ausgerottet werden, weil sich die nur von Mensch zu Mensch übertragenen Erreger nicht mehr verbreiten können. In Berlin liegt die Quote für diese zweite Masernimpfung im Kindesalter bei nur 90,8 Prozent (2).

Im aktuellen Ausbruch hat sich aber auch gezeigt, dass das größere Problem die Impflücken bei jungen Erwachsenen sind – und das sind eindeutig Informationslücken über die Gefährlichkeit mancher Krankheiten, die geringen Risiken einer Impfung gegenüber ihrem Nutzen oder überhaupt die Möglichkeit einer Impfung. In einer aktuellen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA)(3) geben 74 Prozent der nach 1970 Geborenen an, die für ihre Altersgruppe geltende Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) einer einmaligen Masernimpfung nicht zu kennen. Dabei ist diese Empfehlung von der Schutzimpfungsrichtlinie gedeckt und wird von den Krankenkassen übernommen.

Außerhalb der GKV-Leistung zu impfen, auch wenn es zum Beispiel wie in der aktuellen Masern-Situation durchaus sinnvoll ist, ist laut dem Allgemeinmediziner Stephan Bernhardt für Niedergelassene immer mit Unsicherheit behaftet. Auch wenn viele Kassen Impfungen als Satzungsleistung übernehmen, muss dem Impfwilligen in der Praxis erst ein Rezept ausgestellt werden, mit dem er den Impfstoff selbst in der Apotheke besorgt, um diesen möglichst unter Einhaltung der Kühlkette wieder zurück in die Praxis zu bringen und dort geimpft zu bekommen. Anschließend muss sich der Patient das Geld von der Kasse erstatten lassen.

Dies funktioniert etwa bei Reiseschutzimpfungen, die der Patient selber angefragt hat, für die Prävention oder auch akute Situation einer Epidemie schreckt das Verfahren eher ab. Verimpft der Arzt der Einfachheit halber in der Praxis vorrätigen Impfstoff auf Kassenkosten, kann er in einen Regress kommen. Davor warnt Burkhard Bratzke, Vorstandsmitglied der KV Berlin: „Auch wenn nur wenige Kassen Regresse für Impfstoffe aussprechen, hier muss Rechtssicherheit hergestellt werden. Man sollte sich als Arzt nicht auf ´Gewohnheitsrecht` verlassen müssen“. Bratzke fordert von Kassen und Politik mehr Flexibilität beim Thema Impfen, insbesondere in der jetzigen Situation einer Masern-Epidemie und steigenden Flüchtlingszahlen mit unklarem Impfstatus.

Mehr Flexibilität und mehr Aufklärung befürwortet auch die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes Dr. Ute Teichert. Wichtig sei zudem, dass sich die Ergebnisse wissenschaftlicher Diskussionen, beispielsweise zu Impfhindernissen, auch mit dem System der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland vereinbaren lassen.

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Hintergrund:

Im Vorfeld der Nationalen Impfkonferenz hat die KV Berlin am 16. Juni 2015 ein Pressegespräch zum Thema „Impfen“ veranstaltet. Das Gespräch fand im Rahmen der Impfkampagne der KV Berlin 2015* statt. Für Fragen standen zur Verfügung:

  • Burkhard Bratzke Vorstandsmitglied der KV Berlin
  • Dr. Helmut Körngen Beratungsarzt der KV Berlin, Mitglied im Berliner Impfbeirat
  • Stephan Bernhardt Niedergelassener Allgemeinmediziner, Mitglied im Berliner Impfbeirat
  • Dr. Ute Teichert Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD)

Die 4. Nationale Impfkonferenz mit dem Thema "Impfen schützt alle – Masern-Elimination ist machbar!" ist heute in Berlin gestartet. Sie findet heute und morgen an der Urania in Berlin statt. Das Programm finden Sie hier: www.nationale-impfkonferenz.de/programm.

*Die Kampagne wird von GlaxoSmithKline, Sanofi Pasteur MSD und Pfizer unterstützt. Mehr Informationen finden Sie unter
www.kvberlin.de > Über uns > Sponsoring.

(1) “Frühinformation zur Ausgabenentwicklung April 2015“, Erik Voigt, DAV – Deutscher Apothekerverband e.V., 29. Mai 2015

(2) “Chronische Erkrankungen und impfpräventable Infektionserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Ergebnisse der KiGGS-Studie, Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1)“, Bundesgesundheitsblatt Juli 2014

(3) „Einstellung, Wissen und Verhalten der Allgemeinbevölkerung (16 bis 85 Jahre) in Deutschland zum Infektionsschutz (Impfen und Hygiene)“, Bundesweite Repräsentativbefragung 2014 – Erste Studienergebnisse zu Masern, Info-Blatt Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA), 17. Juni 2015


Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin ist die Dachorganisation der mehr als 9.000 ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten in Berlin. Sie sorgt unter anderem dafür, dass die ambulante medizinische Versorgung von gesetzlich krankenversicherten Patienten auf hohem Qualitätsniveau stattfindet und dass diese den Arzt ihrer Wahl aufsuchen können, egal in welcher Krankenkasse sie versichert sind.

(Quelle: KV Berlin)

Autor: KV Berlin, Öffentlichkeitsarbeit | Erstellt am: 18.06.2015

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