Neu heißt nicht besser: Darauf weisen Krankenkassen im Zusammenhang mit den Arzneimittelverordnungskosten immer wieder hin. Gut so, denn die GKV kann sich angesichts der enormen Arzneimittelausgaben nicht zum Steigbügelhalter für Gewinne der Pharmaindustrie degradieren lassen. Nach Lage der Dinge gibt es in der leidigen Auseinandersetzung um teure Arzneimittel, denen von den Experten ein nur geringer oder gar kein therapeutischer Zusatznutzen bescheinigt wird, auch eine große Übereinstimmung zwischen Krankenkassen, KBV und der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ).
Wie übereinstimmend hier bisweilen agiert wird, zeigt sich beispielsweise bei dem 2007
auf den Markt gebrachten Aliskiren (Rasilez®). Unisono bescheinigt die Fachliteratur
von Becker-Brüsers „arzneitelegramm“ über „Arzneiverordnung in der Praxis“ (AKdÄ)
bis hin zu „Wirkstoff aktuell“ der KBV diesem oralen Renininihibitor keinen echten therapeutischen
Zusatznutzen für die antihypertensive Behandlung. Dennoch dringt Rasilez® immer
weiter auf den Markt vor. Zwischen 2009 und 2010 ist nach Angaben des Arzneiverordnungsreports
2011 die Anzahl der Rasilez®-Tagesdosen (58,4 Mio.) um sage und schreibe 37 % und die von Rasilez HCT®
(9,2 Mio.) um 131 % gestiegen.
Mit dieser Entwicklung hatte sich der Internist und Nephrologe Thomas Lindner aus Henningsdorf
bei Berlin jüngst in einem Leserbrief in „Arzneiverordnung in der Praxis“ auseinandergesetzt.
Der Arzt beklagt sich bitter darüber, dass ob der beschriebenen Fakten- und Meinungslage ausgerechnet
die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Nordost Rasilez® und Rasilez HCT® bewirbt –
und zwar im Rahmen eines Rabattvertrages. Und – wie zum Hohn – wird das entsprechende
Empfehlungsschreiben an die Ärzteschaft gemeinsam von dem Hersteller des Produkts
(Novartis) und der AOK herausgegeben:
„Vielen Dank für Ihre Unterstützung bei der Umsetzung einer rationalen Pharmakotherapie“,
heißt es in der vom Novartis-Bevollmächtigten Sauer und der AOK-Volkswirtin Richard
unterzeichneten Offerte. Und das, obwohl eine Umstellung auf Aliskiren „die Kosten für
eine antihypertensive Therapie im Vergleich zu einer Therapie mit Antihypertensiva der
ersten Wahl drastisch erhöht“, wie „Wirkstoff aktuell“ der KBV bereits 2008 mitgeteilt
hat. Da muss die AOK Nordost schon gute Argumente für ihre Rasilez®-Promotion haben,
denn zumindest ist der Apothekenabgabepreis seit Markteinführung nicht signifikant
gesunken.
Und falls die AOK Nordost immer noch zweifelt, sei ihr ein Blick in den AOK-gesponserten
„Arzneiverordnungsreport“ 2011 empfohlen: „Nach derzeitigem Wissensstand bringt der
Renininhibitor Alikskiren für die antihypertensive Behandlung keine Vorteile (...)“.
Auch die Bewertung durch das Scottish Medicine-Consortium (2009) ergab die Empfehlung,
Aliskiren nicht zur Behandlung der essenziellen Hypertonie innerhalb der National Health
Service Scotland anzuwenden, heißt es dort.
Doch es geht auch ums Prinzip: Seit Jahren bemühen sich viele andere Krankenkassen
und auch die KBV darum, den kritischen Blick der Ärzte auf Neuerungen im Arzneimittelmarkt
zu schärfen und kritisch mit dem Rezeptblock umzugehen. Sie klären auf in einem
Umfang, den es so in der GKV-Geschichte noch nicht gegeben hat. Auf Dauer ist das der einzig
richtige Weg. Da sind sich alle Beteiligten einig. Doch das, was die AOK Nordost hier am
Beispiel Aliskiren vorexerziert, ist genau das Gegenteil, nämlich kontraproduktiv.
Und auch der Leserbriefschreiber aus Hennigsdorf ist sich da sicher: „Dieser Rabattvertrag
(hat) mit rationaler Pharmakotherapie nicht das Geringste zu tun.“
(Quelle: Berliner Budget-Bulletin 01/12)