Der Abend versprach Spannung. Rückgabe der Zulassung? Wenn ja, was kommt danach? Können es die Ausstiegsprotagonisten
wirklich besser? Was sind ihre Konzepte? Und: Diktieren nach einem Ausstieg die Einkäufer der
Krankenkassen, wo es langgeht? Hier und heute könnte es mehr Klarheit geben. Eigens aus Erkrath im schönen
Neandertal angereist war der Chef der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, ein bekennender Gegner des
KBV-/KVSystems. Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, kam. Mit ihnen, so hoffte der
Veranstalter, habe man profunde Repräsentanten der unterschiedlichen Strömungen
gefunden. Beider Argumente sollten den Zweiflern bei ihrer Meinungsbildung helfen. Immerhin stand eine
Abstimmung darüber ins Haus, ob MEDI Berlin sein bisheriges Selbstverständnis,
"politischer Arm" der hauptstädtischen KV zu sein, aufgeben und sich in die
Opposition zu ihr begeben solle.
Die spannende Frage: Muss MEDI sich ein anderes Rollenverständnis zulegen?
Als Moderator des Abends hatte man sich den Bild-Zeitung-Redakteur Hanno Kautz ausgeguckt. Der fackelt auch
nicht lange und fragt Martin Grauduszus gleich zu Beginn: "Wird MEDI seine Satzung ändern müssen?" Der
System-Oppositionelle bedient in seiner Antwort so ziemlich alles, was die Ärzteschaft derzeit auf die Palme
bringt: zu wenig Honorar, zuviel Bürokratie, Fremdbestimmung und Verlust der Therapiehoheit. Das Zeitalter der
Gesundheitswirtschaft, so Grauduszus, sei längst eingeläutet. Private Konzerne
unter dem marktideologischen Patronat des Bertelsmann-Konzerns würden sich mit Hilfe der Politik in die ambulanten
Strukturen einkaufen. Die freie Praxis sei nur noch eine Frage von wenigen Jahren. Der Hausarzt müsse sich seine
Hausbesuche künftig mit "Schwester Agnes" teilen – und das zu Lasten des
Gesamtbudgets. "Wir erleben Bevormundung und Entwürdigung", sagt Grauduszus seinen Zuhörern und erntet
frenetischen Beifall. "Die Unterfinanzierung macht die Gesundheitsversorgung
reif für die Übernahme." Immer mehr Leistungen würden in das ambulante System hineingedrückt, während der
finanzielle Anteil an allen Gesundheitsausgaben bereits von 22 auf 15 Prozent gefallen sei. Meint: Immer mehr Arbeit
für immer weniger Geld. Kritik an ITMultis und ihren E-Card-Case-Managern gibt’s noch oben drauf.
Geballte Kritik am KBV-/KV-System
Geschlagene 17 Minuten spricht Grauduszus
nun schon und lässt sich auch
durch noch so eindeutige Gesten des
Moderators nicht bremsen. Noch sind
ja die aus seiner Sicht Mitschuldigen an
dem Debakel nicht erwähnt: Das KBV-/KV-System.
KBV und KVen würden diesem Treiben
tatenlos zusehen, und das sei auch
kein Wunder: "Die Politik hat die KVen
in eine Regelungsbehörde der Gesundheitsbürokratie
verwandelt – sie fungieren
seit langem als verlängerter Arm –
und das ohne eigene Meinung". Wieder
gibt es Beifall. Auch die Bundesärztekammer
bekommt ihr Fett ab: "Was", so
seine Frage, "unternimmt unsere Standesorganisation?"
Die Antwort gibt er
sich selbst: Nichts! Von 20 Vorstandsmitgliedern
seien 18 ehemalige Chefund
Klinikärzte, nur zwei seien niedergelassene
Ärzte, erläutert Grauduszus.
Mit jeder Minute seiner Philippika
gegen das System und seine Garanten
wird das Sündenregister länger: Das
gesamte Vertragsgeschäft nach § 73 b
SGB V diene der Zerfleischung der Ärzteschaft
untereinander, KVen und Verbände
sollten damit gegeneinander ins
Feld gebracht werden. Und der Mann,
der das alles so sauber eingefädelt habe,
heiße Franz Knieps, Abteilungsleiter im
Bundesgesundheitsministerium.
Wie auch immer: "Es ist tabula rasa!",
ruft Grauduszus seinen Berliner Kolleginnen
und Kollegen zu. "(…) Den
Ausweg aus dieser Situation müssen
wir selbst finden. Die Empörung in der
Ärzteschaft ist gigantisch, es braucht
nur noch einen Funken, dann läuft das
Fass über." Im Eifer des Gefechts geraten
ihm auch schon mal Metaphern
durcheinander, aber egal: Hier und jetzt
hat der Neandertaler Allgemeinmediziner
die Stimmung im Saal ordentlich
angeheizt und kann sich sicher sein,
dass auch dies mit Beifall quittiert wird: "Eine echte Interessenvertretung haben
wir nicht, auch wenn immer noch der
Anschein erweckt wird, dass diese unter
dem Dach der KBV und KVen noch
möglich ist." Ohnehin sei es ihm, Grauduszus,
egal, "ob es die KBV in fünf Jahren
noch gibt – es geht um die dahinter
liegende Versorgung". Es bedürfe
nun eines Systemausstiegs. Punkt. Fast
überhört man im Beifallsrausch seine
nachfolgenden Worte, wonach „(…) der
Systemausstieg auch nur ein Schritt
ist auf dem Weg zu einem System, zu
einem wieder freien Arztberuf und zu
einer freien Praxis.“ Weitere Dinge
müssten dann geklärt werden.
Köhler: Ich unterschreibe alles, nur …
Grauduszus ist fertig – fürs Erste jedenfalls.
Gespannt richten sich die Blicke
auf Andreas Köhler, der bei der einen
oder anderen Formulierung seines Vorredners
unruhig gestikulierte, aber jetzt
wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung
wirkt. Seine erste Bemerkung
überrascht: "Fast alles, was mein Vorredner
gesagt hat, kann ich eins zu eins
unterschreiben. Nur – ich habe nicht
verstanden, warum man dafür den Systemausstieg braucht." Er, Köhler, warne
davor, ohne Not die bestehenden Strukturen zu zerschlagen, bevor etwas wirklich
Neues und Besseres entstanden sei.
Gäbe es etwas Besseres als das KBV-/KV-System, sei Köhler der Erste, der das
unterschreiben würde.
Es sei richtig, bestätigt der KBV-Chef
seinen Vorredner, "dass wir eine Regierungskoalition
(haben), die etwas gegen
den freien Arztberuf hat. Und es ist
auch richtig, dass sie (die Regierungskoalition)
die KVen weghaben möchte,
weil wir die ideologischen Überlegungen
der Regierung stören. (…) Aber
vertreten wir die Interessen unserer
Mitglieder ineffizient?" An dieser Kritik
könne etwas nicht stimmen, denn
„warum stehe ich (Köhler) ständig unter
aufsichtsrechtlicher Beratung, wenn
ich doch nur ein Beamter bin?" Gerade
eben habe er zum Beispiel im Rahmen
des Pflegegesetzvorhabens noch verhindern
können, "dass jeder Nichtarzt
ärztliche Leistungen abrechnen darf",
und dass es nun "unsere medizinischen
Fachangestellten sind, die solche Leistungen
erbringen können und dafür
extrabudgetär bezahlt werden", anders,
als Grauduszus dies in seinem Vergleich
mit "Schwester Agnes" behaupte.
"Jawohl", so ein weiterer gedanklicher
Spiegelstrich in Köhlers Erwiderung, "ich bekenne mich dazu, dass das KBV-/KV-System 27,7 Milliarden Euro repräsentiert"
und spielt den Ball an seinen
Kontrahenten zurück, indem er fragt: "Kriegen Sie, Herr Grauduszus, dieses
Geld nach einem KV-Ausstieg in Einzelverträgen
wieder? Kriegen Sie mehr
Geld von der AOK Berlin, wenn Sie mit
denen einen Einzelvertrag abgeschlossen haben?" Es gäbe bereits 57 Hausarztverträge
der neuen Generation und
5.069 IV-Verträge. "Hat denn", fragt der
KBV-Chef nach, "einer dieser Vertragspartner
wirklich bewiesen, damit mehr
Geld zu bekommen?“ Später wird der
Chef der Freien Ärzteschaft einräumen,
dass auch er mit Einzelverträgen nicht
glücklich sei, aber das Geld sei nicht
sein Problem, sondern das Drängen der
Industrie in den Markt.
Wo sind die Konzepte für eine Zeit
nach dem Ausstieg?
Doch Köhler, dem einige unter den
Besuchern den jüngsten EBM übel
nehmen, und der an diesem Abend
mehrfach auch aus dem Publikum heftig
angegriffen wird, lässt nicht locker: "Was machen Sie denn gegen die von
Ihnen kritisierten Industriekonzerne
und gegen das ausländische Kapital?
Wissen Sie denn, dass 95 % der Labore
bereits von ausländischem Kapital
gehalten werden?" Und an anderer
Stelle: Es sei leicht, auf das System
draufzuschlagen, wenn der Unmut
groß ist: "19 Jahre Budget sind eben
19 Jahre Budget" und die hätten ihre
Spuren hinterlassen. "Aber wir haben
2009 auch die Chance, durch die Morbiditätsverlagerung
auf die Krankenkassen endlich wieder aus diesem System
herauszukommen – und zwar über den Kollektivvertrag." Das bringe mehrere
Milliarden zusätzlich, auch wenn klar
sei, dass das Geld auch danach noch
nicht reicht. Egal. Sein Job sei es jedenfalls,
soviel wie möglich für die Ärzte
herauszuholen. "Also lassen Sie uns im
Kollektivvertrag, denn im Einzelvertrag
wird es nicht besser." Umgekehrt sei es
an Grauduszus zu garantieren, "dass
die Ärzte nach einem Systemausstieg
in Einzelverträgen weniger Bürokratie
haben werden, dass für sie mehr Geld
herauskommt, kurzum, dass alles das
an Belastungen, Kritik und Benachteiligungen
verschwindet, was die Kollegen
heute unzufrieden macht. Können Sie
das den Ärzten versprechen?"
Die Botschaft hör’ ich wohl …
Grauduszus pariert: "Ja, das kann ich
ihnen versprechen, weil wir Druck
machen über die öffentliche Diskussion
wie jetzt in Bayern." Die im Gesetz verankerte
Drohung, wonach Ausgestiegenen
nur eine Abrechnung ihrer Leistungen
zum einfachen GOÄ-Satz bleibe,
finde er "einfach lächerlich". Seine Rettungsboote
jedenfalls hätten einen starken
Motor. Doch nun werden auch einzelne
Zuhörer unruhig. "Die Botschaft
hör’ ich wohl …", ruft einer von ihnen
ungefragt in Richtung Podium.
Insgesamt viermal wird Grauduszus
an diesem Abend nach seinem Konzept
für die Zeit nach einem Systemausstieg
gefragt, zweimal von seinem Kontrahenten
Köhler, zweimal aus dem Publikum.
Die Gynäkologin Monika Weber hat
schließlich Glück. Ihr antwortet Martin Grauduszus: "Was ich Ihnen anbiete,
ist, dass ich Ihnen Mut machen kann."
Raunen und Gelächter. Frau Weber ruft
zurück: "Mut haben wir schon." Grauduszus
setzt nach: "Leider müssen wir
ja auch Ängste wecken, dass wir unsere
Praxen nicht mehr halten können." Nur
auf dieser Grundlage habe man "die
Chance zu der Erkenntnis, sich nicht
mehr erlauben zu können, im System
zu bleiben (…) und einen neuen Weg
zu gehen". Das Publikum bleibt fordernd. "Was sollen wir tun", insistiert
eine Zuhörerin. Der Befragte empfiehlt
Kostenerstattung und kassiert prompt
zwei weitere Zwischenrufe: "Bei uns in Berlin?" Und: "Das sagen Sie mal unseren
Hartz-IV-Patienten!"
Als MEDI-Chef Wolfgang Mitlehner
gegen Ende dieser hitzigen Diskussion
resümiert, hat bereits die Hälfte
der rund 200 Besucher den Saal verlassen.
Abstimmung mit den Füßen? "Facharzt.de", das streitbare Internetportal
unzufriedener Ärzte, wird später
erstaunlich salomonisch urteilen, dass
keiner der beiden Kontrahenten es verstanden
habe, eine Mehrheit für seine
Argumente zu gewinnen. Ohnehin hat
sich die eigentlich geplante Abstimmung
mangels Masse erledigt. Nur
noch rund 90 Zuhörer sind jetzt, gegen
Ende der Veranstaltung, im Saal. Dennoch
fragt Verbandschef Mitlehner, ob
MEDI in Berlin ein Korbmodell zum
Ausstieg wie andernorts vorbereiten soll.
30 Anwesende bejahen dies, 25 votieren
für die Variante des "politischen Arms"
der KV, die anderen Besucher verweigern
vollends ihr Votum. Keine Basis für
einen Systemausstieg.
Nach einem Ausstieg mischen
die Banken die Karten neu
Also weiter im Programm. MEDI-Chef
Mitlehner präsentiert nach dem Motto "Das Beste zum Schluss" seinen Zuhörern
eine Folie mit Ergebnissen einer
Banken-Befragung, die er zur Vorbereitung
auf die Veranstaltung durchgeführt
hat. Sein Fazit: Wer heute aussteigt
und finanziell nicht wirklich felsenfest
dastehe, müsse sich aller Wahrscheinlichkeit
nach auf eine neue Bonitätsprüfung
und wohl auch auf das Verlangen
nach weiteren Sicherheiten einlassen.
Die Versammlung vernahm es und löste
sich hernach ohne weitere Nachfragen
auf.
Reinhold Schlitt
Systemausstieg: Salopper
Begriff für die Rückgabe der Kassenzulassung durch einen Vertragsarzt. Zurückgegeben
wird die Berechtigung, GKV-Versicherte zu behandeln – Zulassungsverzicht.
Zulassungsverzicht: Interessant ist hier die Unterscheidung zwischen dem
Zulassungsverzicht eines einzelnen Vertragsarztes, einer kleineren Gruppe von
Vertragsärzten und dem "kollektiven" Verzicht:
- Ein einzelner Arzt gibt seine Zulassung zurück: Er scheidet aus
der Versorgung von GKV-Patienten aus, kann aber privatärztlich weiter tätig
sein. Die Rückkehr in die Versorgung von GKV-Patienten ist bei Vorliegen
der persönlichen Voraussetzungen möglich, sofern dann keine
Zulassungsbeschränkung im betreffenden Planungsbereich besteht.
- Eine kleinere Gruppe von Ärzten gibt ihre Zulassung zurück: – Ein einzelner Arzt.
Hier spielt es auch keine Rolle, ob der Zulassungsverzicht der kleineren
Gruppe koordiniert oder nicht koordiniert stattfindet.
Kollektiver Zulassungsverzicht: Wenn mehr als die Hälfte aller Ärzte
in einem Zulassungsbezirk ihre Zulassung in einem abgestimmten Verfahren oder
Verhalten zurückgeben, greifen weitgehende gesetzliche Konsequenzen. Der
Sicherstellungsauftrag geht teilweise auf die Krankenkassen über, die dann
anderen Ärzten eine höhere Vergütung versprechen dürfen und Krankenhäuser
und selbst ausländische Einrichtungen zur Versorgung heranziehen können.
- Keine Einzelverträge: Vertragsärzte, die kollektiv auf ihre
Zulassung verzichten, bleiben sechs Jahre lang von einer Wiederzulassung
ausgeschlossen. Den Krankenkassen ist es verboten, mit diesen Ärzten einen
Einzelvertrag abzuschließen. Sie können auch nicht an Verträgen zur
Integrierten Versorgung nach § 73 b SGB V teilnehmen, weil daran nur
zugelassene Vertragsärzte teilnehmen können.
GKV-Patienten nur zum 1,0-fachen GOÄ-Satz: Die Behandlung von
GKV-Patienten durch einen Arzt, der kollektiv aus dem System ausgeschieden ist,
bleibt auf das 1,0 fache des GOÄ-Satzes beschränkt. Das Geld muss sich der
Arzt – anders als bei Privatpatienten – auch von der betreffenden
Krankenkasse direkt holen; der Versicherte darf nicht direkt zur Kasse gebeten
werden. Voraussetzung für eine Erstattung: Der Patient hatte keine Möglichkeit,
einen "Systemarzt" aufzusuchen.
GKV-Patienten dürfen ihren kollektiv ausgeschiedenen Arzt nicht mehr
zu Lasten ihrer Krankenkassen aufsuchen, wie das Bundessozialgericht 2007 in
einem Verfahren um den
kollektiven Zulassungsverzicht niedersächsischer Kieferorthopäden
entschieden hat. – Gibt es Beispiele?
Wo steht das alles? Im Sozialgesetzbuch V und zwar in den Paragraphen
72 a und 95 SGB V.
Gibt es Beispiele? Ja.
- In Niedersachsen haben Kieferorthopäden kollektiv ihre Zulassung
zurückgegeben. Im anschließenden gerichtlichen Streit ging es um die
Folgen. Letztinstanzlich hat das Bundessozialgericht im vergangenen Jahr
klargestellt, dass diese Ärzte weder Kassenpatienten behandeln, noch den
Krankenkassen Honorare in Rechnung stellen dürfen (Az: B 6 KA 38/06 R).
- In Bayern probt derzeit der dortige Hausärzteverband den
"Aufstand": Am 30. Januar 2008 hat dessen Vorsitzender
Hoppenthaller in Nürnberg zur kollektiven Rückgabe der Kassenzulassungen
im Rahmen eines Korbmodells aufgerufen. Damit gemeint ist die notarielle
Sammlung von Ankündigungen zur Zulassungsrückgabe und deren Öffnung bei
Erreichen eines selbstgesteckten Mindestquorums von mindestens 70 %. Das
scheint aber nicht zu klappen, wie eine Tageszeitung herausgefunden haben
will. Bereits einmal wurde eine Abgabefrist "verlängert". red/-litt
(Quelle: KV Blatt 04/2008)