Im Rahmen ihres Forschungsprojektes Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung (KV) im Nationalsozialismus hatte die KV Berlin zu einer vierteiligen Veranstaltungsreihe im November/ Dezember 2007 eingeladen. Den Abschluss der Reihe bildete ein Vortrag von Dr. Rebecca Schwoch am 12. Dezember unter dem Titel
Angehörige weltweit gesucht oder: Wie mühsam ein Gedenkbuch über die Berliner jüdischen Kassenärzte entsteht.
In ihrem Vortrag referierte Dr. Schwoch über den Verlauf der Forschungsarbeiten zur geplanten Veröffentlichung eines Gedenkbuches für Berliner Kollegen jüdischer Herkunft, die unter dem
NS-Regime leiden mussten. Das KV-Blatt sprach mit der Medizinhistorikerin über ihre Arbeit an der Publikation.
KV-Blatt: Frau Schwoch, wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade ein solches Gedenkbuch als Mittel gegen das Vergessen zu erstellen?
Rebecca Schwoch: Zunächst sollte es „nur” um die Erforschung der Geschichte der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung gehen, die für die Ausschaltung derjenigen Kassenärzte verantwortlich war, die von den Nazis aus politischen oder „rassischen” Gründen verfolgt wurden. Vor allem das plötzliche Auftauchen des Reichsarztregisters (RAR) und dessen Digitalisierung im Jahre 2004 waren es dann, was mich dazu bewog, neben der Institutionengeschichte auch eine Kollektivbiographie zu erarbeiten, denn: Das einmalige, aus 97.087 Karteikarten bestehende, digitalisierte RAR erlaubte es, auf Anhieb 1.737 Namen von Berliner jüdischen Kassenärzten mit ersten biographischen Angaben in einer Datenbank zusammenzustellen. Bis dato hatte noch keine Quelle eine Zusammenstellung dieser Berufsgruppe in einem solchen Umfang geboten. Wir werden diesen zumeist unbekannten Kassenärzten wieder einen Namen geben und damit das Ausmaß der Ausschaltung noch plastischer veranschaulichen.
KV-Blatt: Im Titel Ihres Vortrags betonen Sie besonders, wie mühsam die Zusammenstellung des Gedenkbuches sich gestaltet. Was sind das für Hindernisse, von denen Sie sprachen?
Rebecca Schwoch: Wir haben zur Zeit 2.053 Namen in unserer Datenbank. Biographische Informationen über derart viele Personen zu suchen, ist – rein quantitativ – schon ungeheuer aufwändig. Dann fiel im Laufe der Projektarbeit auf, dass das RAR trotz seines enormen Umfanges nicht vollständig ist. Beispielsweise stellte sich heraus, dass der Buchstabe „S” mit lediglich 14 Nachnamen viel zu wenig Karten enthielt. Das konnte nicht sein. Wir haben uns daraufhin auf die Suche gemacht und mit Hilfe einer Datenbank des Landesarchivs Berlin, einer wesentlich erweiterten Version des „Gedenkbuches Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus” und des Reichsmedizinalkalenders aus dem Jahr 1937, den Buchstaben „S” auf 260 Namen aufgestockt. Für die Neuaufgenommenen mussten wir dann alle bereits durchforsteten Quellen noch einmal durchgehen. Außerdem suchen wir die Dissertationen der Kassenärzte, weil diese meistens Curricula vitae enthalten. Diese Suche nach über 2.000 Dissertationen ist sehr aufwändig, da sie uns nicht in einem Regal zur Verfügung stehen, sondern über Kataloge gesucht und bestellt werden müssen – oftmals per Fernleihe, wenn es sie in Berlin nicht gibt. Und wenn man sie dann endlich in einer Bibliothek einsehen kann, nur um festzustellen: Es ist kein Lebenslauf enthalten … Das ist ärgerlich! Und nicht zuletzt ist diese Arbeit sehr mühsam, weil es in einigen Fällen schwierig ist, die Identität des Gesuchten einwandfrei festzustellen, wenn nämlich die Karteikarte so dürftig ausgefüllt ist, dass z. B. nur ein Geburtsjahr dort steht. Besonders schwierig wird es, wenn es eine Karteikarte gibt, auf der eindeutig die Angaben zweier Ärzte gleichen Namens vermischt worden sind. Diese beiden dann auseinanderzudividieren ist unter Umständen nicht mehr möglich, weil für eine eindeutige Spurensuche eines unbekannten Menschen nicht nur der Name, sondern unbedingt auch das komplette Geburtsdatum wichtig ist. Bei den Zwangsemigrierten kommt es zudem oft vor, dass sie ihre Nachnamen geändert oder wenigstens modifiziert haben. Wenn Ärztinnen geheiratet und den Namen des Ehemannes angenommen haben, ist es fast nur noch ein Zufall, wenn wir diese finden können.
KV-Blatt: Sie sind bei Ihren Nachforschungen auch auf Ungereimtheiten gestoßen, bei denen zum Beispiel eine Geburtsangabe und ein Approbationsdatum nicht zu dem dazugehörigen Namen passen und es nicht nachvollziehbar ist, woher diese Angaben kommen: Wie schlüssig sind dann noch die anderen biographischen Quellen bzw. Angaben?
Rebecca Schwoch: Durch Hinzuziehen verschiedener Quellen ist es durchaus möglich, die Richtigkeit der Angaben zu verifizieren oder falsche Angaben zu korrigieren. Dennoch kann es geschehen – vor allem bei der Menge und Vielfalt, mit der wir es zu tun haben –, dass sich Fehler einschleichen, die aber nichts mit einer grundsätzlichen Unglaubwürdigkeit bestimmter Quellen zu tun haben. Ungereimtheiten müssen wir, soweit es geht, klären, wobei wir sicher einige Fälle nicht werden lösen können.
KV-Blatt: Nun gibt es ja auch nichtjüdische Kassenärzte – z. B. politisch missliebige –, die das Schicksal ihrer jüdischen Kollegen unter der Naziherrschaft teilten. Werden diese bei Ihrer Arbeit auch berücksichtigt?
Rebecca Schwoch: Politisch verfolgte, aber nichtjüdische Ärzte nehmen wir in diesem Gedenkbuch nicht auf, weil wir es zeitlich einfach nicht schaffen würden. Diesen Verfolgten einen Namen zu geben, ist aber ebenso wichtig und sollte unbedingt nachgeholt werden!
KV-Blatt: Sie sagen, es sei immer heikel, mit Forschungsergebnissen aus der deutschen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte an die Öffentlichkeit zu treten. Was genau meinen Sie damit?
Rebecca Schwoch: Gerade bei der Präsentation historischer Themen aus der NS-Medizin habe ich schon unangenehme Erfahrungen machen müssen, weil Zuhörer – hier Ärzte – unerträgliche Kommentare von sich gegeben haben. Dass es immer noch Ärzte gibt, die sich der NS-Vergangenheit nicht kritisch stellen können, weil sie Angst vor einer Kollektivschuld haben, hängt meines Erachtens zum einen damit zusammen, dass gerade Ärzte in ihrer langen standespolitischen Tradition ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Zum anderen liegt es sicher auch daran, dass es letztendlich immer um die „Identität der Deutschen” geht, die auf dem Spiel steht, so wie es Hinrich Paul in seinen „Brücken der Erinnerung” beschrieben hat. Damit werden zwei Kategorien empfindlich gestört: das Zusammengehörigkeitsgefühl qua Profession sowie die Zugehörigkeit zu diesem deutschen Staat. Wenn man mit Forschungsergebnissen aus unserer deutschen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte an die Öffentlichkeit tritt, werden also gleich zwei Identifikationsmuster zerstört. Man möchte nicht Teil dieser Verfolger und Mörder sein! Aber es nutzt nichts. Wir haben die Pflicht, diese Vergangenheit aufzuarbeiten, gerade weil wir nichts rückgängig oder wieder gut machen können.
KV-Blatt: Wie werten Sie die Reaktionen der von Ihnen „Ewiggestrige” Genannten vor dem Hintergrund der damaligen Verbrechen?
Rebecca Schwoch: Erwachsene Menschen, die mir „postmortale Klugscheißerei” vorwerfen oder meinen, nicht mehr in diese Millionen von Gräbern zurückblicken zu können, da es heute wahrlich andere, wichtigere Probleme zu bewältigen gebe, kann ich schlicht nicht ertragen. Meine bisherige Erfahrung zeigt leider, dass solche Menschen zudem in keinster Weise belehrbar sind. Hier gilt: Solchen Gedankenträgern kann man nur mit einer unermüdlichen Konfrontation mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie Aufarbeitung derselben entgegentreten, die von einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung mitgetragen wird, damit solche Individuen mundtot gemacht werden. Genau dieses Signal setzen all diejenigen Ärzte, die für dieses Projekt spenden und gespendet haben.
KV-Blatt: Können Sie umgekehrt auch von besonders positiven Reaktionen berichten?
Rebecca Schwoch: Glücklicherweise kann ich das, sonst käme ich psychisch mit dieser schweren Arbeit nicht zurecht. Es geht einem doch wirklich immer wieder sehr nahe, wenn man in die vielen menschlichen, familiären Schicksale eintaucht. Diese Menschen leiden bis heute unter den Konsequenzen jener schrecklichen Zeit. Das wird mir immer wieder klar, wenn ich mit Nachfahren korrespondiere, denen ich unsäglich dankbar bin, dass sie mir überhaupt Gehör schenken. Unsere Arbeit wird von den in alle Welt verstreuten Überlebenden durchaus positiv zur Kenntnis genommen.
KV-Blatt: Wie schätzen Sie nach Ihrer mehrjährigen Arbeit in dem Forschungsprojekt insgesamt die Resonanz unter den Ärzten ein?
Rebecca Schwoch: Die doch recht zahlreichen Einzelspenden und die finanzielle Unterstützung durch Ärzteorganisationen ermutigen mich, weiterzumachen. Und dennoch: Die Mehrheit hat nicht gespendet und unsere Veranstaltungen sind nur spärlich von nichtjüdischen Berliner Ärzten besucht worden; die Gründe kennen nur diese Ärzte selbst.
KV-Blatt: Wir danken für das Gespräch.
Die Fragen stellte Ina Harloff
(Quelle: KV-Blatt 02/2008)