Als „fatal“ bezeichnete die Psychotherapeutin Angelika Anne Springer gegenüber dem KV-Blatt die immer noch häufig vorgenommene diametrale Gegenüberstellung von Psychotherapie versus somatische Medizin. Obwohl sie eine positive Entwicklung in der Zusammenarbeit von Ärzten und Therapeuten ausmacht, gehört eine solche Polarisierung zu den Dingen, die ihr deutlich machen, dass es noch ein weiter Weg zur vollständigen Akzeptanz ihrer Profession ist. Die Rolle der Psychotherapie im Gesundheitswesen, v. a. im Spannungsfeld zur somatischen Medizin, war auch Gegenstand einer Podiumsdiskussion auf dem dritten Landespsychotherapeutentag, der am 1. September in Berlin stattfand.
„Wir werden immer noch wahrgenommen als Assistenzmethode der Medizin. Es sieht nicht sehr gut aus mit der Akzeptanz, aber sie ist deutlich gestiegen im Vergleich zur Zeit vor dem Psychotherapeutengesetz“ – antwortete auf der Podiumsdiskussion der Diplompsychologe und stellvertretende Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Hans- Jochen Weidhaas.
Seine Kollegin Angelika Anne Springer, Mitglied unter anderem in den Beratenden Fachausschüssen Psychotherapie der KBV und der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, sieht es, wie sie gegenüber dem „KV-Blatt“ sagte, „nicht ganz so scharf wie Herr Weidhaas“. Dennoch erkennt auch sie ein Grundproblem in der Zusammenarbeit von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten. Dieses liegt ihrer Meinung nach nicht so sehr auf der persönlichen, kollegialen Ebene.
Die Psychotherapeutin sieht das Problem eher in der „Erschütterung des Selbstverständnisses“ einer Berufsgruppe, die lange Zeit als einziger Heilberuf eine monopolistische Position eingenommen hatte. Springer: „Da werden Fragen aufgeworfen, wie: Was ist ein Heilberuf? Wie stehen die Heilberufe zueinander? Wer hat wem was zu sagen bzw. wie läuft die Kooperation? Eine Dynamik ist in das gesamte System gekommen, die sich jetzt ausweitet.“
Heute noch auftretende Querelen zwischen Ärzte- und Psychotherapeutenschaft bezeichnet die Diplom-Psychologin als Nachwehen der „Schockwelle“, die durch die Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes 1999 bei den Medizinern ausgelöst worden sei. Dennoch solle man sich langsam von der „fatalen“ Gegenüberstellung Psychotherapie versus somatische Medizin lösen. „Es muss möglich sein, dass auch die Psychotherapie über alle ihre Grundberufe hinweg der somatischen Medizin Hinweise bei der Behandlung von Patienten geben kann.“
Obwohl die Zusammenarbeit zum Teil, vor allem klinisch, schon ganz gut funktioniere, gebe es doch immer mal wieder „ein Hauen und Stechen“, vor allem, wenn es um die Honorarreform geht. „Wenn Politik und Kassen von vornherein zu wenig in die Töpfe geben“, so Springer, „dann gibt es natürlich diese Verteilungskämpfe.“
Unmut unter den Psychotherapeuten mache sich auch breit, wenn Krankenkassen z. B. Verträge im Kollektivvertragsystem abschlössen, zu denen Psychotherapeuten ihrer eigenen Einschätzung nach als Vertragspartner mit hinzugezogen werden müssten, aber nirgendwo die Rede von ihnen sei.
Alles in allem befinde man sich aber schon auf dem richtigen Weg. Die sich entwickelnde berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit von Ärzte
und Psychotherapeutenkammern hält die Psychotherapeutin für einen sehr guten Ansatz hin zur Verbesserung des Verhältnisses der beiden Heilberufe zueinander. Dass sich etwas in dieser Richtung positiv bewegt, schließt sie auch daraus, dass der jüngste Ärztetag in Münster der ärztlichen Psychotherapie erstmals eine größere Bedeutung zukommen ließ. Dabei wurde von ihr allerdings kritisch angemerkt, dass hier auch polarisierende Abgrenzungen hin zu den Psychologischen und
Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten zu hören waren, die der Psychotherapie insgesamt nicht dienlich seien.
Dennoch, so sieht es Angelika Anne Springer, habe man noch einen weiten Weg vor sich und gibt darin ihrem Kollegen Weidhaas Recht, der auf der Podiumsdiskussion des Landespsychotherapeutentages feststellte: „Das ist eine Baustelle, an der wir noch arbeiten müssen.“
Ina Harloff
(Quelle: KV-Blatt 11/2007)