In Deutschland werden die Mediziner knapper: Weil Arzt sein keinen Spaß mehr macht

Die Bundesrepublik steuert auf einen dramatischen Ärztemangel zu. In den kommenden fünf Jahren werden 41.000 Mediziner in den Ruhestand gehen, davon allein über 34.000 im ambulanten Bereich. Gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter, der Versorgungsbedarf steigt. Potenzieller Nachwuchs kommt in der kurativen Versorgung nur noch kleckerweise an. Viele suchen ihr Glück in der Wirtschaft oder im Ausland.

Die Bundesrepublik steuert auf einen dramatischen Ärztemangel zu. In den kommenden fünf Jahren werden 41.000 Mediziner in den Ruhestand gehen, davon allein über 34.000 im ambulanten Bereich. Gleichzeitig wird die Bevölkerung immer älter, der Versorgungsbedarf steigt. Potenzieller Nachwuchs kommt in der kurativen Versorgung nur noch kleckerweise an. Viele suchen ihr Glück in der Wirtschaft oder im Ausland. 

Insgesamt knapp 13.000 Mediziner sind in den letzten sechs Jahren ins Ausland gegangen, Tendenz steigend. Von 11.660 Erstsemestern, die 1997 ihr Medizinstudium aufnahmen, haben 2003 nur noch 6.802 den „Arzt im Praktikum“ angetreten – ein Schwund von 41,6 Prozent. Nüchtern wirkende Zahlen der „Studie zur Altersstrukturund Arztzahlentwicklung“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Bundesärztekammer (BÄK) – die nichts Gutes verheißen: „Wir laufen in einen eklatanten Ärztemangel hinein“, warnt KBV-Chef Andreas Köhler. 

Die Gründe für den Rückgang der Arztzahlen sind vielfältig. Da ist zum einen die Altersstrukturentwicklung. Das Durchschnittsalter der Ärzte steigt kontinuierlich an; viele erreichen bald das Rentenalter. Auf der anderen Seite kommt immer weniger Nachwuchs im kurativen Bereich hinzu. Wo 1993 das Durchschnittsalter der Vertragsärzte noch bei 46,6 lag, betrug es 2006 schon 51,1 Jahre. Die Zahl der berufstätigen Ärzte im Alter von 60 Jahren und darüber stieg von 1993 bis 2005 auf fast das Doppelte – von 6,7 auf 12 Prozent, ging allerdings 2006 schon wieder leicht zurück. Gleichzeitig sank der Anteil der unter 40jährigen Vertragsärzte von 2005 bis 2006 um mehr als einen halben Prozentpunkt. 

Arzt sein macht keinen Spaß mehr 

„Dies wäre gar nicht so schlimm“, kommentierte Ärztekammerpräsident Prof. Jörg-Dietrich Hoppe diese Entwicklung, „wenn uns nicht gleichzeitig der Nachwuchs wegbrechen würde.“ Der Präsident betont, dass es durchaus genug Medizinstudenten und Ärzte in Deutschland gibt. Aber viele von ihnen wollen nicht mehr dauerhaft in die kurative Patientenversorgung. Hoppe bringt die Gründe dafür auf einen einfachen Nenner: „Es macht ihnen im Moment keinen Spaß mehr.“ Stellen für Assistenzärzte, so der Ärztekammerpräsident, würden manchmal 4- bis 5-mal ausgeschrieben, ohne dass sich jemand darauf bewerbe. 

Junge Medizinabsolventen suchen sich zunehmend eine Tätigkeit in alter- nativen, medizinverwandten Berufen. Oder sie wandern ins Ausland ab. Ein Teil des Weggangs, so KBV-Chef Köhler, könne abgefangen werden durch die Zuwanderung ausländischer Ärzte. Die kommen vor allem aus Osteuropa nach Deutschland. Und reißen dort neue Löcher, weil ihre Herkunftsländer dadurch ebenfalls in einen Ärztemangel hineinschlittern würden, so Köhler. Ohnedies nimmt die Zahl der Ärzte, die in die Bundesrepublik einwandern, bereits kontinuierlich ab: „Die machen mittlerweile einen Bogen um Deutschland und gehen gleich in die USA oder nach Skandinavien“, kommentiert der oberste Kassenarzt diesen Abwärtstrend. Die Folge – es wandern mittlerweile mehr Ärzte aus Deutschland ab, als umgekehrt. Einer Zahl von 1.404 Immigrationen im Jahr 2006, so zeigt es die Studie, stehen 2.575 Emigrationen gegenüber. 

Ein Fünftel mehr Arbeit für ein Fünftel weniger Honorar 

Schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Vergütung für die geleistete Arbeit und schlechtere Umfeldbedingungen für Familien – vor allem in den unterversorgten Gebieten Deutschlands: Fast schon gebetsmühlenartig trägt Köhler die Gründe für diese Entwicklung vor. 

Aber er räumt auch ein, was die Politik dagegenhält: Es gibt durchaus, vor allem in Ballungsgebieten, eine Überversorgung, auch wenn diese rein statistischer Natur ist und nichts über die regionalen Besonderheiten aussagt. So oder so sei es schier unmöglich, Kollegen dazu zu bewegen, ihren Praxissitz in unterversorgte Gebiete zu verlegen. Selbst wenn man ihnen die Praxismiete bezahle, sei dies nicht genug. Immer noch müssten sie jeden zweiten Tag Notdienst leisten und ihre Lebensqualität würde sich erheblich verschlechtern. Köhler weiß, wovon er spricht, denn die KVen haben in den letzten Jahren auch mit gesetzlicher Unterstützung Versuche unternommen, dagegenzusteuern. „Diese Anstrengungen“, bilanziert der KBVChef, „waren jedoch nur teilweise von Erfolg gekrönt.“ Immerhin: KVen können mittlerweile Umsatzgarantien in unterversorgten Gebieten geben und Punktwerte stützen. Maßnahmen, von denen mancher Stadtarzt sicher gerne profitieren würde. Mehr noch: Eine KV kann in unterversorgten Gebieten sogar eigene Einrichtungen eröffnen und darin Ärzte anstellen. Doch woher soll sie diese nehmen? Ob andere Maßnahmen, wie sie das GKV-WSG nun mit Teilzeitanstellung, Zweigpraxen und „hälftige“ Zulassungen ermöglicht, „greifen und zu einer Entspannung der prekären Lage“ (O-Ton Köhler) führen werden, bleibt abzuwarten. Bisher jedenfalls, so das Fazit der KBV, reichen diese Motivationen nicht aus. 

Vor allem sei es sehr schwierig, in die ostdeutschen Gebiete neue Ärzte zu bekommen. Mediziner, die dort arbeiten, bekommen noch immer nur 87,5 Prozent dessen, was ihre Kollegen in den alten Bundesländern erhalten. Sie haben aber nach KBV-Schätzung ungefähr tausend Fälle mehr im Jahr zu behandeln. Köhlers simple Gleichung: „Ein Fünftel mehr arbeiten, um ein Fünftel weniger zu bekommen“. 

Aber auch in Ballungszentren wird die sich verändernde Altersstruktur versorgungspolitisch immer problematischer, wie das Beispiel Berlin-Marzahn zeigt. Der Bezirk galt nach seiner Gründung in der DDR als der jüngste Berlins. Doch inzwischen sind nicht nur der Bezirk und seine Bevölkerung in die Jahre gekommen, sondern es wandern immer mehr junge Menschen ab. Die Folge: Der Altersdurchschnitt steigt und mit ihm der medizinische Behandlungsbedarf. 

Wenn die Zahl der Nervenärzte zurückgeht … 

Immer wieder in die Schlagzeilen gerät vor allem der Hausärztemangel im Osten. Die ärztlichen Körperschaften lenken den Blick jedoch auch auf andere Fächer und Regionen. Ländlich geprägte Gegenden der alten Bundesländer, Augen-, Frauen-, Hautund Nervenärzte – auch hier sieht die Bilanz längst nicht mehr rosig aus. Die Zahl der Nervenärzte ist von 5.084 im Jahr 2002 auf 4.855 im vergangenen Jahr gesunken. Allerdings wird in dieser Gruppe genauer zwischen Neurologen und Psychiatern und ihrer zahlenmäßigen Entwicklung zu differenzieren sein. 

Die KBV-Schätzung für die kommenden Jahre lässt befürchten, dass der Trend bei den genannten Facharztgruppen nicht aufzuhalten ist. Der KBV-Vorsitzende machte eindringlich auf die Konsequenzen aufmerksam. Tendenziell weniger Geburten mögen einen Rückgang an Kinderärzten kompensieren, aber bei Fachärzten ist ein gegenläufiger Trend zu erwarten. Gerade bei den schon erwähnten Nervenärzten, so wird vermutet, werden die Patientenzahlen hinsichtlich psychischer Erkrankungen eher noch steigen und damit das Ausmaß der Unterversorgung potenziert. 

Ein weiterer Faktor: Sowohl die aktuelle Alterspyramide als auch die Schätzungen bis zum Jahr 2020 zeigen, dass der Anteil der 40–60Jährigen an der Gesamtbevölkerung immer mehr steigt. Entsprechend steigt auch der Leistungsbedarf im ambulanten Bereich. Für Berlin wurde ausgerechnet, dass sich die Zahl der angeforderten Abrechnungspunkte bei Patienten ab dem 41. Lebensjahr deutlich von den Altersgruppen davor abhebt – und zwar nach oben. Noch deutlicher ist dieser Anstieg ab dem 50. und geradezu drastisch ab dem 60. Lebensjahr. Liegt die durchschnittliche Punktzahl je Quartal bei einem 50jährigen Bürger um die 80, so sind es bei einem 60jährigen bereits 200 und bei einem 65jährigen bereits über 300 Punkte. Vieles spricht also dafür, dass der Ärztemangel deutschlandweit zu einem immer größeren Problem wird, denn die Entwicklung der Ärztezahl, so die Prognosen, scheint auch mit dem Leistungsbedarf nicht Schritt halten zu können. 

Köhlers Botschaft an die Politik: Das Schlechtreden des Arztberufes und pauschale Verunglimpfungen eines ganzen Berufsstandes müssen endlich beendet werden. Mit dem neuen EBM und der Honorarreform zu vernünftigen Preisen wolle die KBV für medizinische Leistungen sorgen und Politik und Kassen seien gut beraten, sie in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Ina Harloff und Reinhold Schlitt

(Quelle: KV Blatt 11/2007)

Autor: Ina Harloff und Reinhold Schlitt | Erstellt am: 01.11.2007

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