Gut vier Jahre ist es her, dass Berlin zu einem einheitlichen Zulassungsbezirk für Ärzte und Psychotherapeuten erklärt wurde. Damals prophezeiten Pessimisten mit dem Wegfall der bezirksweiten Zulassungsgrenzen ein "Ausbluten" einkommensschwacher Bezirke. Tatsächlich haben tendenziell mehr Ärzte Problembezirke verlassen, als neue hinzugekommen sind. Allerdings blieb die befürchtete "Ärztewanderung" aus. Zu einem Problem könnten allerdings Medizinische Versorgungszentren (MVZen) werden: Sie werden in Berlin reichlich gegründet - und zwar zu Lasten von bisherigen Praxissitzen.
Die aktuelle Statistik meldet für alle Bezirke, gleich ob arm oder reich, eine über hundertprozentige Versorgung. „Ausreißer“ bei Arztgruppen innerhalb
einzelner Bezirke mit einem Versorgungsanteil
unter 90 Prozent lassen
sich an fünf Fingern abzählen, sieht man einmal von den Ärztlichen Psychotherapeuten ab.
Allerdings – die Realität in so manchem
Wartezimmer passt nicht zum Bild einer statistischen „Vollversorgung“.
Wo Ärzte wegziehen, müssen andere aus der Umgebung die Patienten mitversorgen. Das bringt volle Wartezimmer und längere Wartezeiten mit sich und schafft ein insgesamt gereizteres Klima. Das macht sich besonders in bevölkerungsreichen Problembezirken wie Neukölln bemerkbar. Der Vorstand der Kassenärztlichen
Vereinigung (KV) reagiert darauf mit flexibleren Budgetanpassungen
im Rahmen des Honorarverteilungsvertrages ab 1. Juli 2007. Jetzt soll es möglich werden,
Individualbudgets schneller an die jeweilige Versorgungsrealität
anzupassen. Dennoch – auch für Ärzte, deren Patientenzahl sich sozusagen „über Nacht“ erhöht, weil ein anderer Arzt aus der
Nachbarschaft weggezogen ist, hat der Tag nur 24 Stunden. In Wedding, so wurde dem KV-Blatt aus einer Praxis berichtet,
habe man schon die Polizei rufen müssen, weil sich Patienten noch Stunden nach Praxisschluss weigerten, das Wartezimmer zu verlassen.
Wenn Ärzte aus der Nachbarschaft wegziehen
Roland Urban, Nervenarzt in Moabit und langjähriger Vorsitzender des Zulassungsausschusses, kennt diese Klagen: „Mich haben wiederholt Kollegen
angesprochen, die jetzt mit einem großen Patientenaufkommen zu kämpfen haben, weil Ärzte aus ihrer Umgebung weggezogen sind.“
Selbst Bezirksräte hätten auf entsprechende Fälle hingewiesen und darum gebeten, die alten Zulassungs-Bezirksgrenzen
wieder zur Grundlage zu machen. Urban: „Das ist natürlich für den Zulassungsausschuss
nicht möglich.“
Um zu beurteilen, wie es um die ärztliche
und psychotherapeutische Versorgungslage
in einem Zulassungsbezirk
bestellt ist, orientieren sich die Fachleute an einer festgeschriebenen Zahl von Einwohnern pro Arzt einer bestimmten Fachgruppe. Die Rechnung
ist simpel: Steigt die Zahl der Einwohner je zugelassenen Arzt über die festgelegte Größe, sinkt der
Versorgungsgrad.
Sinkt umgekehrt die tatsächliche Einwohnerzahl je Arzt unter die Referenzgröße, steigt der
Versorgungsgrad.
Letzteres ist in Berlin der Fall, so dass die Hauptstadt mit fast allen Fachgruppen als „überversorgt“ gilt und für weitere Zulassungen gesperrt werden musste.
Die Ärztlichen und Psychol. Psychotherapeuten sind mit einem Versorgungsgrad
von 152 % mehr als ausreichend präsent und treten sich – rein statistisch – in bürgerlichen bis gutbürgerlichen Bezirken gegenseitig auf die Füße.
Allerdings liegt die Präsenz
in 6 der 12 Stadtbezirke bei unter 100 %; in 3 Bezirken sogar bei weit unter 90 %. Darunter befindet sich Marzahn-Hellersdorf mit 31 %.
Die Anästhesisten sind berlinweit mit einem Versorgungsgrad von 108 % vertreten, erreichen jedoch in 7 der 12 Stadtbezirke nur rund 90 % bzw. in Neukölln sogar nur
25 %.
Entspannter, wenn auch nicht ohne „Ausreißer“, sieht die Situation für die anderen Fachgruppen aus:
Hausärzte: Die Hausärzte sind, mit Ausnahme von Lichtenberg (Versorgungsgrad
97 %), in allen Bezirken mit jeweils über 100 % vertreten, in Charlottenburg-Wilmersdorf sogar mit 149 %. Allerdings sind seit der Zusammenlegung
der Zulassungsbezirke stadtweit 68 Hausarztsitze verloren gegangen.
- Gynäkologen: Bis auf Neukölln (72 %), Reinickendorf (85 %) und Treptow-Köpenick (94 %) liegt der Versorgungsanteil in den Bezirken bei jeweils über 100 % (Tempelhof-Schöneberg: 125 %, Mitte: 123 %).
- Radiologen: Mit einer drastischen Ausnahme in Neukölln (nur 50 %) liegt der Versorgungsgrad in allen Bezirken bei weit über 100 %.
- Urologen: In 3 der 12 Stadtbezirke liegt der Versorgungsgrad ebenfalls unter der möglichen Grenze.
Friedrichshain-Kreuzberg: 91 %, Neukölln: 78 % und Lichtenberg: 93 %.
- Orthopäden: Der Versorgungsgrad liegt in Friedrichshain-Kreuzberg bei 95 % und in Pankow bei 96 %, in allen anderen Bezirken bei über 100 %.
- Nervenärzte: Mit Ausnahme von Treptow-
Köpenick (92 %) beträgt der Versorgungsgrad
überall 100 % und mehr.
- Kinderärzte: Auch hier gibt es fast überall eine jeweils bei weit über 100 % liegende Versorgung. Lediglich in Reinickendorf liegt der Versorgungsgrad
bei 99 %.
- HNO-Ärzte: Der Versorgungsgrad in Marzahn-Hellersdorf liegt bei 88 %, in allen anderen Bezirken bei mindestens 100 %.
- Dermatologen: In Treptow-Köpenick sind 54 %, in Marzahn-Hellersdorf 92 % und in Lichtenberg 88 % der jeweils möglichen Arztsitze besetzt. Alle anderen Bezirke gelten als „überversorgt“.
- Fachärztliche Internisten: In Treptow-Köpenick beträgt der Versorgungsgrad 93 %, in allen anderen Bezirke meist deutlich mehr als 100 %.
- Chirurgen: Dieses Fach ist in allen Bezirken mit einem Versorgungsgrad von jeweils deutlich über 100 % vertreten.
- Augenärzte: Neukölln weist einen Versorgungsgrad
von 86 % aus, alle anderen
Bezirke liegen bei über 100 %.
Medizinische Versorgungszentren
| Bezirk
| Anzahl MVZ
| Anzahl der MVZ-Ärzte
mit vorherigem Praxissitz in diesem Bezirk
|
| Mitte-Tiergarten-Wedding |
11 (davon Wedding: 4) |
6 (davon Wedding: 3) |
|
Friedrichshain-Kreuzberg |
9 |
9 |
|
Pankow-Prenzlauer Berg-Weißensee |
5 |
11 |
|
Charlottenburg-Wilmersdorf |
11 |
4 |
|
Spandau |
6 |
2 |
|
Steglitz-Zehlendorf |
9 |
4 |
|
Neukölln |
9 |
7 |
|
Treptow-Köpenick |
7 |
8 |
|
Marzahn-Hellersdorf |
4 |
4 |
|
Lichtenberg-Hohenschönhausen |
4 |
9 |
|
Reinickendorf |
6 |
4 |
|
Schöneberg-Tempelhof |
4 |
10 |
|
gesamt |
85 |
78 |
Das MVZ als Praxiskiller im Problembezirk?
Zwar ist Bewegung in die Berliner Versorgungslandschaft
gekommen, doch die Wanderungsstatistik enthält auch eine Reihe überbezirklicher
Praxisumzüge, die entfernungsmäßig kaum ins Gewicht fallen. Manchmal wird lediglich die Straßenseite gewechselt; weil jedoch die Bezirksgrenze mitten durch die Straße verläuft, liegt die „neue Straßenseite“ bereits in einem anderen Bezirk.
Noch im Dunkeln liegt hingegen der Einfluss von Medizinischen Versorgungszentren
(MVZ) auf die Praxisstruktur in Berlin. Mittlerweile gibt es 85 MVZen in der Bundeshauptstadt, 17 von ihnen gingen allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres ans Netz. Ein Ende dieses Gründungsbooms ist nicht absehbar.
Manche dieser Einrichtungen haben sich – wie etwa ein großes MVZ in Steglitz – zu interdisziplinären und betriebswirtschaftlichen
Vorzeigeobjekten gemausert. Auch berichten MVZ-Ärzte positiv über ihre Arbeitsbedingungen
im Gegensatz zum „Einzelkämpfertum“.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzte schon vor Monaten ein, dass Medizinische Versorgungszentren
als ambulante medizinische
Versorgungsform immer mehr Bedeutung erlangen werden.
40 % der MVZ-Gründer kommen
aus Problembezirken
Doch inzwischen wächst die Sorge, dass die Gründer Medizinischer Versorgungszentren
um Berlins Problembezirke einen großen Bogen machen, während umgekehrt Einzelpraxissitze genau dieser Bezirke verstärkt in Medizinischen
Versorgungszentren aufgehen.
Berechnungen des KV-Blatts haben einerseits ergeben, dass von den 85 Berliner MVZen nur 33
Einrichtungen ihren Sitz in den Problembezirken Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf, Hohenschönhausen-Lichtenberg sowie Mitte (hier: Wedding, Tiergarten/Moabit)
angemeldet haben. Andererseits haben 41 % jener Ärzte, die ein MVZ gegründet haben oder dorthin gegangen
sind, ihren alten Praxissitz zuvor in einem Problembezirk gehabt.
Geht diese Entwicklung zu Lasten des Versorgungsgrades in diesen Bezirken? Immerhin weisen – wie an anderer Stelle beschrieben – vor allem Problembezirke
für eine Reihe von Arztgruppen
„Verluste“ auf. Neukölln beispielsweise hat bei 10 von 14 Fachgruppen
mehr Arztsitze verloren als neue hinzugekommen sind. In einigen Bereichen gibt es hier bereits eine Unterschreitung der Referenzwerte. Auch Marzahn und Lichtenberg haben – wenn auch nur bei wenigen – mehr Abgänge als Zugänge zu verkraften.
Ursachen für längere Wartezeiten aufzeigen
Der KV-Vorstand will diesen Trend nun stärker beobachten: „Wenn 40 % der niedergelassenen MVZ-Ärzte eine Einzelpraxis in einem Problembezirk aufgegeben haben und es in diesen Bezirken gleichzeitig eine Abwärtsentwicklung des Versorgungsgrades gibt, dann kann man das nicht mehr ignorieren“, sagt KV-Vorstandsmitglied Burkhard Bratzke vorsichtig.
Aufhalten kann der Dermatologe diese Entwicklung nicht: „MVZen sind vom Gesetzgeber unter der Fahne des
Wettbewerbs ausdrücklich gewollt. Allerdings“,
so Bratzke, „muss man daran erinnern, wenn wieder mal über längere
Wartezeiten in Arztpraxen oder weitere Wege geklagt wird“.
Sonderbedarfszulassung derzeit nicht in der Diskussion
Der Zulassungsausschuss seinerseits beobachtet die Entwicklung der Gründung
Medizinischer Versorgungszentren ebenfalls. Zulassungschef Roland Urban: „Wenn durch MVZ-Gründungen tatsächlich unverhältnismäßig viele Praxissitze in einem Bezirk verloren gehen, müssen wir auch über Sonderzulassungen
nachdenken.“ Für ihn ist das „der denkbar schlechteste Weg, weil damit auch eine Vermehrung der Arztzahlen insgesamt verbunden wäre“.
Reinhold Schlitt
(Quelle: KV Blatt 07/2007)