Stadtweites IV-Konzept: Wie die KV Berlin dem Rückenschmerz zu Leibe rückt

Das KV-Konzept einer Integrierten Versorgung des Rückenschmerzes steht: Die KV Berlin hatte mit Spezialisten aus den niedergelassenen ärztlichen und psychotherapeutischen Bereich, aus Kliniken, Reha-Zentren und der Wissenschaft ein Konzept entwickelt, das bereits die Chronifizierung des Rückenschmerzes verhindern soll. Die Wege: Implementierung von Standards in Diagnostik und Therapie sowie eine engmaschige, sektorenübergreifende Zusammenarbeit.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz von 2004 von sogenannten Integrationsversorgungsverträgen (IV) ausgeschlossen und dadurch in ihren Mitwirkungs- und Gestaltungsmöglichkeiten neuer Versorgungsstrukturen erheblich eingeschränkt. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat dennoch im Jahr 2004 beschlossen, eigene regionale Integrationsversorgungs-Konzepte im Rahmen der verbliebenen gesetzlichen Möglichkeiten zu entwickeln und zu organisieren. Als wichtigster „Mitspieler“ in der ambulanten medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung will sie ihre fachliche und organisatorische Kompetenz bei der Entwicklung innovativer Versorgungskonzepte nutzen und die Versorgungslandschaft positiv mitgestalten. Berlin bietet als medizinischer Wissenschaftsstandort mit einer guten ambulanten Versorgungsinfrastruktur beste Voraussetzungen für sektorübergreifende Versorgungskonzepte.

Ausgangslage

Die Entwicklung von Versorgungsverträgen seit dem Inkrafttreten des GMG 2004 zeigt, dass bisher wenig innovative Konzepte entstanden sind. Den Spitzenplatz in der Hitliste der Verträge in Berlin führen die Verträge mit Komplexpauschalen und Gewährleistung bezogen auf Knie- und Hüftendoprothetik und kardiochirurgische Leistungen sowie Verträge zum ambulanten Operieren. Verträge zum ambulanten Operieren bestehen jedoch schon seit Mitte der 90er Jahre in Form von Strukturverträgen und auch die Gewährleistungsverträge im Bereich der Endoprothetik bestanden schon, bevor es die Integrationsversorgung gab. Darüber hinaus existieren Verträge zu diversen einzelnen Krankheitsbildern, es werden DMP-Verträge ergänzt oder sogar Hausarztverträge unter dem Deckmantel des § 140 a ff. SGB V vereinbart. Viele Insellösungen führen zu Mangel an Transparenz sowohl für die Versicherten als auch für die Leistungserbringer. Bei der Vielzahl der Leistungsangebote ist kaum mehr ersichtlich, welche Krankenkasse für welches Versorgungsproblem Lösungen bietet. In vielen Fällen profitiert nur ein kleiner Kreis von Patienten in Berlin von den Verträgen, da die gemeldeten Verträge der Ersatzkassen und Betriebskrankenkassen auch bundesweit gelten. Das führt dazu, dass bei über 50 % der Verträge ein geschätztes Berliner Patientenpotential von nur 1–10 Versicherten angegeben ist.

Im Gegensatz dazu ist es Ziel der KV,

  • "echte" Integrationskonzepte mit regionalem Ansatz und bevölkerungsrelevanten Krankheiten (bezogen auf Häufigkeit und Kosten) und sektorübergreifendem Versorgungsbedarf zu entwickeln und anzubieten,
  • durch eine flächendeckende Einbeziehung von qualifizierten Leistungsanbietern und die Beteiligung vieler Krankenkassen, eine große Zahl der Patienten von verbesserten Versorgungskonzepten und erhöhter Versorgungsqualität profitieren zu lassen und
  • durch Organisation und Begleitung der Versorgungskonzepte, die Transparenz über Versorgungsangebote sowohl für die Leistungserbringer als auch für die Patienten zu verbessern.

Der Entscheidung, sich dem Thema Rückenschmerz als erstem Projektinhalt zu widmen, gingen umfangreiche Analysen voraus. Der Rückenschmerz ist danach nicht nur in Berlin, sondern bundesweit eines der bisher sozioökonomisch und medizinisch ungelösten Probleme unseres Gesundheitswesens. Der Rückenschmerz gehört zu den häufigsten Behandlungsanlässen der ambulanten und rehabilitativen Versorgung und nimmt einen Spitzenplatz bei den Krankheitsfehltagen und den Neuzugängen der Erwerbsunfähigkeit ein.

Jährlich leiden durchschnittlich ca. 40 % der Bevölkerung unter Rückenschmerzen. Bei ca. 80 % der Betroffenen führen Rückenschmerzen nicht zu dauerhaften Problemen, bei ca. 10 % bis 20 % entwickelt sich jedoch ein chronisches Leiden. Dies ist ein Problem für die Betroffenen selbst und auch ein Problem von ökonomischer Relevanz. Zum einen wird das Gesundheitssystem mit Kosten für die medizinische und rehabilitative Behandlung (direkte Kosten) belastet. Kostenträchtig und von volkswirtschaftlicher Bedeutung ist der chronische Rückenschmerz jedoch insbesondere aufgrund hoher Arbeitsunfähigkeitsraten, damit einhergehender Produktivitätsausfälle und Frühberentung (indirekte Kosten). So entfallen auf einen relativ kleinen Anteil der Patienten ca. 80 % der Gesamtkosten, die durch Rückenschmerz entstehen.

Defizite im Versorgungsbereich des Rückenschmerzes

Defizite der Versorgung finden sich im Bereich der Prävention sowie bei der Behandlung des Rückenschmerzes. Sowohl bei der Diagnostik als auch in der Therapie wurden Über-, Unterund Fehlversorgung festgestellt. Dies zeigt sich z. B. in Bezug auf eine unreflektierte Arznei- und Heilmittelversorgung, die Überbewertung radiologischer Befunde, übermäßige und ungezielte Injektionen und vor allem auch in mangelnder Berücksichtigung psychosozialer Faktoren als Risikofaktor für Chronifizierung (Therapieempfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft). Internationale und nationale Veröffentlichungen kritisieren daher, dass im Alltag die Diagnostik und Therapie wenig standardisiert erfolgt und es innerhalb der verschiedenen Fachdisziplinen erhebliche Unterschiede hinsichtlich der diagnostischen und therapeutischen Vorgehensweise gibt. Schnittstellenprobleme erschweren die rechtzeitige Veranlassung notwendiger Maßnahmen. Vor diesem Hintergrund entstand das Versorgungskonzept zur Behandlung von Rückenschmerzpatienten der KV Berlin.

Externe Experten haben am Tisch gesessen

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat das Konzept gemeinsam mit Experten aus verschiedenen Versorgungssektoren und der Wissenschaft innerhalb von eineinhalb Jahren in einem Konsensusverfahren unter externer Moderation erarbeitet. Moderiert wurden die Expertenrunden von einer Ärztin des Fachbereichs Public Health der Technischen Universität Berlin (Prof. Dr. med. Reinhard Busse MPH FFPH), die zugleich auch die Erstellung des Konzeptes fachlich begleitete. Die Expertenrunden setzten sich aus Ärzten aller an der Behandlung des Rückenschmerzes beteiligten Fachdisziplinen, einschließlich psychotherapeutisch tätiger Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten im vertragsärztlichen Bereich, zusammen. An dem Konzept haben auch Spezialisten aus der ambulanten und stationären Rehabilitation sowie aus dem Krankenhausbereich mitgewirkt.

Kernstück des Konzeptes ist ein Behandlungsalgorithmus, der auf Grundlage bereits recherchierter und bewerteter Leitlinien in Verbindung mit der klinischen Praxiserfahrung der Experten entwickelt wurde. Es werden die regionalen Berliner Besonderheiten (sehr gute medizinische Infrastruktur) hinsichtlich der Versorgungsangebote, Schnittstellen und Patientenpfade berücksichtigt. Der Behandlungsalgorithmus wird eingebettet in ein sektorübergreifendes Qualitätsmanagementkonzept (einschließlich eines Dokumentationsund Informationssystems sowie eines Controllings).

Was beinhaltet das Berliner IV-Konzept und was unterscheidet es von anderen Konzepten?

Die nach unserer Kenntnis in Deutschland bestehenden Rückenschmerzkonzepte richten sich meistens an Patienten, bei denen der Rückenschmerz bereits chronifiziert ist. Im Mittelpunkt dieser Konzepte stehen Therapieprogramme zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten, da der chronische Rückenschmerz nicht heilbar ist. Es steht außer Frage, dass solche Programme für die Betroffenen sinnvoll und wichtig sind.

Bezogen auf die epidemiologische und ökonomische Problematik sowie die beschriebenen Versorgungsdefizite bei der Behandlung des Rückenschmerzes setzen IV-Konzepte zur Behandlung des chronischen Rückenschmerzes jedoch aus unserer Sicht zu spät an. Vor der Chronifizierung ansetzen Im Fokus steht daher vor allem die optimierte Behandlung von Rückenschmerzpatienten mit akuten bis subakuten unspezifischen Rückenschmerzen, um zu vermeiden, dass die erwähnte Chronifizierung überhaupt erst entsteht.

Erreicht werden soll dies insbesondere durch

  • Implementierung von Standards in Diagnostik und Therapie,
  • Förderung einer engmaschigen, sektorübergreifenden Zusammenarbeit und Verringerung von Schnittstellenproblemen,
  • rasche Differenzierung bzw. Klassifizierung des Rückenschmerzes und rechtzeitiges Ergreifen entsprechender Diagnostik- und Therapiemaßnahmen bzw. Zuführung des Patienten auf die für ihn angemessene Versorgungsebene.

Neben der Differenzierung in akute, subakute und chronische Schmerzen ist die Unterscheidung in spezifische und unspezifische Rückenschmerzen wichtig, denn nach internationalen Angaben sind etwa 80 % bis 85 % unspezifisch. Der unspezifische Rückenschmerz lässt sich im Gegensatz zum spezifischen Rückenschmerz auf keine anatomische oder neurophysiologische Ursache zurückführen. Beim unspezifischen Rückenschmerz wird eine multikausale Entstehung vermutet, bei der neben physischen Belastungen auch seelische Gleichgewichtsstörungen (bedingt durch familiären oder beruflichen Stress, Depressivität) eine Rolle spielen. Dies erklärt die häufig aufwändige und zu langwierige Diagnosefindung zur Klärung der Ursache für den Rückenschmerz. Die schwierige Diagnosefindung, nicht rechtzeitig ergriffene Maßnahmen und nicht erkannte psychosoziale Einflussfaktoren fördern also gerade beim unspezifischen Rückenschmerz die Gefahr einer Chronifizierung. Genau hier setzt das KVKonzept an.

Dem Erstbehandler darf nichts durchgehen

Durch ein im Behandlungsalgorithmus festgelegtes Anamnese- und Diagnostikverfahren, das alle Patienten beim Erstbehandler durchlaufen sollen (Screening, s. u.), wird der Rückenschmerz zunächst klassifiziert. Rückenschmerzen mit schwerwiegenden pathologischen Ursachen, komplizierten Verläufen sollen rasch erkannt und die Behandlung auf der für den Patienten adäquaten Versorgungsebene veranlasst werden. Bei der Identifizierung psychosozialer Risikofaktoren besteht die Option einer Abklärung durch den Psychotherapeuten. So wird auch die adäquate Versorgung spezifischer oder bereits chronifizierter Rückenschmerzen nie außer Acht gelassen.

Schon beim ersten Arztkontakt soll also sichergestellt werden, dass die Behandlung des Patienten nach vereinbarten Standards abläuft, die den derzeit aktuellen Wissensstand der Medizin widerspiegeln. Darüber hinaus soll die weiterführende Diagnostik und Therapie in Abstimmung aller am Behandlungsprozess beteiligten fachärztlichen Disziplinen sowie nichtärztlichen Gesundheitsberufen (z. B. Physiotherapeuten), Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen nach anerkannten Standards erfolgen.

Eine bedeutende Rolle kommt dabei dem koordinierenden Arzt zu, der die gesamte Behandlung begleitet und eine effiziente Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachdisziplinen und Sektoren koordiniert. Wie alle an der Behandlung Beteiligten wird er zur Einhaltung der Empfehlungen des Behandlungsalgorithmus verpflichtet. Kontinuierliche Re-Evaluation und
interdisziplinäre Zusammenarbeit stellen sicher, dass Hinweise auf eine spezifische Erkrankung oder Chronifizierungsrisiken nicht übersehen werden. Konkrete Schnittstellenbeschreibungen in Bezug auf Zeitfenster und Indikationen unterstützen die Kooperation und die Durchführung der Re-Evaluation.

Wichtige Ziele und Steuerungsinstrumente des Behandlungsalgorithmus sind:

  • Rasche Identifizierung komplizierter Verläufe sowie psychosozialer Einflussfaktoren und dadurch die schnelle Überleitung auf die adäquate Behandlungsebene (Screening). Dem Behandlungsalgorithmus liegt das bio-psychosoziale Krankheitsmodell zugrunde. Im Behandlungsablauf werden deshalb auch frühzeitig psycho-soziale Dimensionen des Schmerzes berücksichtigt.
  • Information, Schulung und Anleitung zur körperlichen Aktivierung sollen den Patienten eigenverantwortlich an der Behandlung beteiligen, die Compliance fördern und schmerzbedingter Passivität vorbeugen (Edukation).
  • Schnittstellenbeschreibung und Definition von Handlungszeitfenstern zur Optimierung des Überleitungsmanagements: Damit soll die rechtzeitige Ergreifung aller notwendigen Maßnahmen und die Lückenlosigkeit der Therapie über die gesamte Behandlungskette erreicht werden.

Inderdisziplinäre multimodale Behandlung: Nach spätestens 6 Wochen Therapie stimmen Hausarzt und Mitbehandler innerhalb einer interdisziplinären Fallkonferenz die Fortsetzung der Therapie ab. Ein modulares Therapie-Intensivierungsprogramm ermöglicht die Zusammenstellung der Programmkomponenten nach den individuellen Behandlungserfordernissen des Patienten. 

Die KV als Organisator integrierter Versorgung

Die Entwicklung und Umsetzung von integrierten Versorgungskonzepten durch die KV Berlin als dem organisierenden Zentrum hat wesentliche Vorteile. Gerade aufgrund ihrer Erfahrung
in der Sicherstellung und Organisation der ambulanten medizinischen Versorgung, Erfahrungen im Bereich neuer Versorgungsformen durch Beteiligung an Strukturverträgen (Ambulantes Operieren, Diabetes, Onkologie) sowie Modellverträgen (wie das Berliner Praxisnetz, Berliner Projekt Krankenheime) bringt die KV gute Voraussetzungen zur Entwicklung von Versorgungskonzepten und der Organisation integrierter Versorgung mit:

  • Ein regionaler Ansatz berücksichtigt vor allem die Versorgungsprobleme der Berliner Bevölkerung und die besonderen Berliner Versorgungsstrukturen.
  • Die Entwicklung von Versorgungskonzepten erfolgt sektorübergreifend und auf Grundlage evidenzbasierter Methoden. Die KV Berlin kann somit die Behandlung nach Behandlungsstandards unterstützen und die Versorgungsqualität erhöhen.
  • Gefördert wird die Implementierung von Behandlungsstandards durch einen breit angelegten partizipativen Prozess unter Einbezug aller für den Behandlungsprozess notwendigen Fachdisziplinen, Gesundheitsberufe, Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen.
  • Die von der KV Berlin vorangetriebene Netzwerkbildung aus Vertragsärzten, Krankenhäusern, Rehabilitationseinrichtungen und Heilmittelerbringern ist zudem ein erster, wichtiger Schritt zur Umsetzung und Akzeptanz neuer Versorgungskonzepte und zum Abbau von Schnittstellenproblemen.
  • Durch flächendeckende Einbeziehung qualifizierter Leistungsanbieter und von Krankenkassen kann eine große Zahl der Patienten von verbesserten Versorgungskonzepten profitieren.
  • Gleichzeitig soll durch Organisation und Begleitung der Versorgungskonzepte die Transparenz der Versorgungsangebote sowohl für die Behandler als auch für die Patienten verbessert werden.

Zur Umsetzung des Konzeptes wurden erste Kontakte mit Krankenkassen hergestellt. Unsere Hoffnung ist, noch in diesem Jahr zu einer vertraglichen Vereinbarung zu gelangen.

Andere Experten zeigten bereits Interesse

Das von der KV Berlin mit den Experten erarbeitete Konzept wurde auch mit Interesse vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) wahrgenommen. Es vertritt die Auffassung, dass die KV Berlin einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung einer qualitätsgesicherten Versorgung leisten kann. Geschätzt wird vor allem die Verknüpfung leitlinienorientierter Medizin mit praktischer Erfahrung unter den Besonderheiten regionaler Versorgungsstrukturen. Die KV Berlin wurde daher in den Expertenkreis des ÄZQ aufgenommen, um ihre Erfahrungen bei der Entwicklung einer Nationalen Leitlinie zum Rückenschmerz einzubringen. Des Weiteren hatte die KV Berlin Gelegenheit, ihr Konzept auf dem 4. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung im September 2005 vorzustellen und im "Kursbuch Versorgungsforschung" (Berliner Schriftenreihe Gesundheitswissenschaften; Hrsg.: M. Hey, U. Maschewsky (2006)) zu veröffentlichen.

Andrea Wilhelmi, Dipl.-oec.
Komm. Leiterin der Abteilung
Verträge/Neue Versorgungsformen der KV Berlin

Joachim Bentz, Dipl.-Soz. Wiss.
Hauptabteilungsleiter
Qualitätssicherung bei der KV Berlin

(Quelle: KV Blatt 04/2007)

Autor: KV-Blatt-Redaktion | Erstellt am: 01.04.2007

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