Das System der Kassenärztlichen Vereinigungen: Von
vielen Verbandsfunktionären und Politikern wird es
heftig kritisiert und teils als Relikt der Geschichte abgeschrieben.
Jedoch: Die Basis der über 120.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten kann sich auch für die Zukunft kein anderes System vorstellen. Das ist das wohl wichtigste Ergebnis der heiß umstrittenen Mitgliederbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom vergangenen Jahr.
Doch zur Realität gehört auch, dass KBV und KVen auf wichtigen Feldern mäßige
oder gar unbefriedigende Noten bekommen haben, etwa bei der politischen
Interessenvertretung, in Fragen der Transparenz oder Praxisnähe ihres Führungspersonals.
Immerhin: Die Hauptstadt-KV schneidet in einer Reihe von Detailbewertungen
besser ab als das KV-System auf Bundesebene.
Als KBV-Chef Andreas Köhler Anfang Januar die Ergebnisse der Befragung
präsentieren ließ, wirkte dies eher wie eine Marketing-Veranstaltung zur
Zufriedenheit der Aktionäre über ihr Unternehmen. Doch es war der Abschluss
eines heiß umstrittenen Mitglieder-Referendums der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung – das erste dieser Art in ihrer 50jährigen Geschichte. Und
das nahm im März letzten Jahres seinen Lauf, als die Auseinandersetzungen in
und außerhalb der KBV um die "richtigen" Inhalte und Formen des
Protestes gegen die Gesundheitsreformpläne eskalierten, als freie Verbände den
"etablierten und staatsnahen Strukturen" den Kampf ansagten, dem
Systemausstieg das Wort redeten und KBV-Chef Andreas Köhler schließlich der
Kragen platzte: Wir werden eine Mitgliederbefragung zur Zukunft des KV-Systems
machen, verkündete er und erntete ungläubige Reaktionen. Wahnsinn und
verbandspolitischen Selbstmord attestierten verschiedene Fachblätter und sogar
einige KV-Vorstände dem KBV-Vorsitzenden. Andere wähnten einen
unkalkulierbaren Befreiungsschlag und die Systemgegner und Ausstiegs-
Protagonisten vermuteten gar einen "gerissenen Schachzug" des obersten
deutschen Kassenarztes. Kein Wunder.
Je konkreter die Pläne für ein solches Referendum wurden, desto klarer
wurde auch, dass die Befragung nicht unter Funktionären, sondern innerhalb der
Basis der Ärzte- und Psychotherapeutenschaft stattfinden würde. So etwas
brachte Unsicherheiten für das damals gerade angelaufene Ausstiegsszenario,
denn was am Ende dabei herauskommen würde – ob eine solche Umfrage die These
eines massenhaften Ausstiegswillens stützen oder erschüttern würde –, war
nur schwer zu kalkulieren. Ein realistisches Stimmungsbild von der Basis gab es
schließlich nicht. Einzig MEDI Deutschland hatte bis dato eine
Ausstiegsbefragung unter eigenen Mitgliedern durchgeführt, die mit klarer
Mehrheit für einen Ausstieg, aber einer bundesweit nicht annähernd
repräsentativen Beteiligung endete.
Umfrage gegen manche Widerstände
Andreas Köhler indes zeigte sich unbeirrt, besorgte sich bei der
KBV-Vertreterversammlung Zug um Zug Geld und Rückendeckung, um dann zu
verkünden, dass es im Herbst losgehen und das renommierte Bonner infas-Institut
es richten solle. Und während Hunderte infas-Interviewer von Ende September bis
in den Dezember hinein an die 20.000 Ärzte und Psychotherapeuten
abtelefonierten, diente diese Umfrage der KBV so ganz nebenbei auch als
Drohgebärde gegenüber den politischen Gesundheitsreformern. Die Botschaft: Es
ist nicht auszuschließen, dass die Ärzteschaft dieses System so nicht mehr
haben will – nicht die Budgetierung, nicht die Bürokratie und nicht die
Eingriffe in ihre Therapiefreiheit. Dann, so die Gefahr, könne die Gefolgschaft
nicht mehr garantiert werden.
Mit dem Ergebnis des Mitglieder-Referendums können die Funktionsträger zwar
nur schlecht leben, wie Köhler bei der Zahlenpräsentation Anfang Januar in
Berlin sagte, aber seine zuvor in mehreren KV-Veranstaltungen der Republik
platzierte Prophezeiung ist eingetreten: Die Mehrheit der repräsentativ
Befragten will das KV-System auch in Zukunft haben – obwohl die
Unzufriedenheit groß ist. Heißt im Umkehrschluss: Die Anderen würden es auch
nicht besser richten können. Von dort kommen inzwischen auch versöhnlichere
Töne. Die Tatsache, dass die Mehrheit der Befragten das KV-System für
zukunftssicher hält, kommentierte Hartmannbund-Chef Kuno Winn so: "Die
Zukunft liegt in einer stärkeren Rolle der Verbände in Kombination mit dem
,Know-how‘ und den Strukturen des KV-Systems." Einzig die Allianz
Deutscher Ärzteverbände, Protagonist eines Systemausstiegs, zeigt sich
unbeeindruckt. Deren Sprecher Klaus Bittmann, dereinst selbst KV-Chef in
Schleswig- Holstein, höhnte: "Ein Systemwechsel findet keine Mehrheit. Der
Systemwechsel aber findet statt.2
Knapp an einer Vier vorbeigeschrammt
Gleichwohl – an der Bewertung ihrer Arbeit werden KVen wie KBV lange zu
kauen haben: Ihre Zufriedenheit mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
benoteten die Umfrageteilnehmer gerade einmal mit 3,7. Er, Köhler, sei schon
froh gewesen, wenn seine Kinder "mit einer Drei nach Hause gekommen
sind". Mit einer 3,3 benoteten die 1.227 Berliner Umfrageteilnehmer die KBV
etwas milder als der Bundesdurchschnitt. Auch ihrer eigenen KV – alle KVen
kamen im Bundesdurchschnitt mit einer 3,1 weg – gaben die Hauptstädter mit
3,0 eine bessere Note. Zufrieden ist der Vorstand damit allerdings
überhaupt nicht, wie seine Mitglieder im KV-Blatt-Interview einräumten. Als
Gründe für die Unzufriedenheit mit KBV und KVen werden vor allen Dingen eine
"allgemein schlechte Interessenvertretung "gegenüber der Politik und
den Krankenkassen angegeben, wobei die befragten Berliner Ärzte und
Psychotherapeuten ihre eigene KV auch hier fast durchweg etwas besser
beurteilten.
Immerhin räumt die Umfrage auch mit der von Bundesgesundheitsministerin Ulla
Schmidt und anderen Politikern gern geäußerten Behauptung auf, die
Funktionäre verfolgten überwiegend "Eigeninteressen". Gerade einmal
4 Prozent der bundesweit und nur 2 Prozent der in Berlin Befragten gaben dies
als Grund für die "Unzufriedenheit mit der KV" an. Eher schon fallen
Vorwürfe der Bürokratie und Intransparenz ins Gewicht, und: Die Ärzte
bekämen zu wenig Geld. Letzteres wird – sicher nicht überraschend – von
den Berlinern unter den Befragten häufiger als im übrigen Bundesgebiet
geäußert. Nach wie vor bildet die Hauptstadt das Schlusslicht bei den
Honoraren.
So gut es eben geht
Zu den vielen Überraschungen, die diese Mitgliederbefragung im Detail
bereithält, zählt übrigens auch die Tatsache, dass bundesweit gerade einmal 2
Prozent und in Berlin nur 1 Prozent der Befragten den öffentlichrechtlichen
Status der KVen als Grund für die Unzufriedenheit mit der KV angegeben haben.
Dazu passt dann auch die Aussage von 53 Prozent der Befragten (Berlin: 59
Prozent), dass die KV die Interessen der Vertragsärzte "so gut sie kann
und der Gesetzgeber es zulässt" vertritt. Gar nicht mal ungelegen dürfte
der KBV hingegen die massive Kritik an einer ungenügenden politischen
Interessenvertretung der Ärzte und Psychotherapeuten kommen. Gerade einmal 4,1
lautete die Note für die KBV – und mit 3,7 kam die KV Berlin auch nicht viel
besser weg. Bekanntlich war das stärkere interessenpolitische Mandat, so die
Umschreibung für mehr "Druck auf die Politik", ein besonders harsches
Feld der Auseinandersetzung zwischen KBV und freien Verbänden. Selbst nach
Beendigung der Umfrage wetterte die Allianz Deutscher Ärzteverbände, "die
Kassenärztlichen Vereinigungen bieten keine effektive Interessenvertretung der
Ärzteschaft", was das Referendum schließlich
auch belegen würde. Andreas Köhler selbst gab sich angesichts der schlechten
Wertung der Seinen über die Interessenvertretung betrübt und gestand
freimütig ein, dass die KBV "hier besser werden" müsse, was
Chronisten allerdings ziemlich realistisch als weitere Kampfansage gegenüber
der Politik übersetzten.
(Quelle: KV Blatt 02/2007)