Wie geht die deutsche Ärzteschaft mit ihrer Rolle im Nazi-Deutschland um? Das wohl dunkelste Kapitel seiner eigenen Geschichte hatte der Berufsstand jahrzehntelang verdrängt. Bitter wog der Vorwurf, die Aufarbeitung der tiefen Mitschuld an der Verfolgung und Ermordung jüdischer Kollegen vernachlässigt oder gar verschleppt zu haben. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin hat das Schweigen und Verdrängen vor rund vier Jahren durchbrochen. Aus eigenem Antrieb heraus.
Doch auch im Umfeld dieser Aktivitäten tut sich viel: Die KV erhält viel Zustimmung und Unterstützung für ihr Projekt. Funktionsträger der Jüdischen Gemeinde und jüdischer Einrichtungen, das Bundesgesundheitsministerium und andere begleiten das Projekt wohlwollend. Ein ermutigendes Zeichen. Im Abstand von zwei Jahren, jeweils zum Jahrestag der Reichspogromnacht, gibt es auch eine Gedenkveranstaltung – in diesem Jahr bereits zum dritten Mal.
Über 200 Vertreter der Ärzteschaft sowie aus Bundes- und Landespolitik gedachten bei einer Feierstunde am 5. November in der Neuen Synagoge in Berlin zum dritten Mal der während des Nationalsozialismus vertriebenen und ermordeten jüdischen Ärzte. Die Gedenkfeier fand im Rahmen des Forschungsprojektes "Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus" der KV Berlin, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesärztekammer statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Gedenkansprachen von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Extra aus London angereist war Eva Tucker, Enkelin des von den Nazis ermordeten jüdischen Berliner Sanitätsrats Dr. Felix Opfer. Sie berichtete aus ihren Kindheitserinnerungen.
Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, stellte seine Gedenkrede teilweise unter die Fragestellung, warum gerade Ärzte die am stärksten nationalsozialistisch organisierte Berufsgruppe war – und angehende Ärzte in Deutschland heute so wenig über diese Vergangenheit wissen.
Zur Klärung der Frage, warum so viele Ärzte in Deutschland das NS-Regime stützten, griff Gideon Joffe unter anderem auf das Spätmittelalter zurück. Bereits damals hätten sich christliche Ärzte immer wieder dafür eingesetzt, dass jüdische Mediziner nur jüdische Patienten behandeln durften. Weiter sagte er: "Jahrhunderte ziehen ins Land, aber die Ärzte der Neuzeit stürzen sich genauso mittelalterlich verblendet auf ihre jüdischen Kollegen." Bezogen auf den Nationalsozialismus bedeutete dies, dass jüdischen Ärzten frühzeitig die Zulassung zur Kassenabrechnung und später die Approbation entzogen wurde. Das NS-Regime konnte sich hierbei auf die Ärzte verlassen: "Jeder zweite deutsche Arzt – und zwar deutsch im NS-Sinne – meldete sich zur NSDAP. Jeder vierte deutsche Arzt war sogar in der SA." Ideologische Aspekte vermochten dabei allenfalls die "allgemeine Feindschaft gegenüber Juden" zu erklären, so der Gemeindevorsitzende. Für ihn zählen auch ökonomische Aspekte: "Weitere Motive der NSDAP gegen die jüdischen Kollegen sind, wie schon Jahrhunderte zuvor, auch im ökonomischen Bereich zu finden. Gegen Ende der Weimarer Republik waren zehn Prozent der approbierten Ärzte arbeitslos, aber auch viele Ärzte in Brot führten eine verzweifelte Wirtschaftsexistenz." Ab 1933 seien die beruflichen Probleme für viele Ärzte gelöst: "In die freigepressten Positionen ehemaliger jüdischer Ärzte rückten unverzüglich junge und linientreue arische Ärzte nach." Er verwies auf die vielen ermordeten jüdischen Ärzte und auf jene, die Selbstmord begingen. Weiter: "Mit der Verdrängung und Vernichtung von jüdischen Ärzten ging eine jahrhundertwährende Tradition hochrangiger jüdischer Wissenschaft und Medizin in Europa verloren."
Joffe kritisierte, dass Medizinstudenten dieser Tage so wenig über "das dunkelste Kapitel der deutschen Medizingeschichte" wissen. Die Fakten über die NS-Mittäterschaft hätten vor allem Ärzte selbst im Dunkeln gehalten. Vielleicht, weil NS-belastete Ärzte auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in wichtige Positionen in Klinik, Forschung und Lehre oder innerhalb von Ärzteverbänden zurückkehrten?, wie der Redner schlussfolgerte. "(...) Die alten Verbrecher", so sein Fazit, "saßen in der medizinischen Nachkriegslandschaft auf neuen Chefsesseln." Das aufzuklären und weiterzugeben hat nach Joffes Ansicht nichts mit Schuldzuweisungen und Anklagen zu tun, wohl aber mit "der Darstellung von menschlicher Feigheit, aber auch von beispiellosem Mut". Es ginge um die Stärkung der "Widerstandskraft" und vor allem "um die deutsch-jüdische Zukunft".
Prehn: Gegen das Vergessen in den eigenen Reihen ankämpfen
Bereits im Vorfeld der Veranstaltung erinnerte KV-Chefin Angelika Prehn daran, "dass Ärzte ebenso zu den geistigen Wegbereitern der Rassengesetze gehörten wie zu ihren willigen Vollstreckern".
Die Mitschuld von Ärzten am Leid ihrer jüdischen Kollegen müsse noch deutlicher in das öffentliche Bewusstsein gerückt werden, "aber auch in das Bewusstsein der Ärzteschaft selbst". Deshalb sehe es die KV Berlin als ihre Aufgabe an, "dieses Kapitel unseres Berufsstandes entgegen der Meinung manches Kollegen eben nicht zu verdrängen und in Vergessenheit geraten zu lassen". Diese Verbrechen der Nationalsozialisten dürften sich niemals wiederholen. "Hier", so Angelika Prehn, "stehen wir als Ärzte klar in der Verantwortung."
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt begrüßte, "dass die Berliner Ärzteschaft vor vier Jahren beschlossen hat – fast 60 Jahre nach Ende der Terrorherrschaft – ihre Vergangenheit aufzuarbeiten!" Sie habe damit Verantwortung für die Vergangenheit der deutschen Ärzteschaft insgesamt übernommen, die die bundesweiten Organisationen zunächst nicht übernehmen wollten. Deshalb, so die SPD-Politikerin, "begrüße ich ausdrücklich, dass die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung sich jetzt auch zu der Verantwortung bekennen." Sie kritisierte gleichzeitig, dass diese Aufarbeitung erst im 21. Jahrhundert stattfinde: "Ich finde es beschämend, dass dies nicht bereits in der Nachkriegszeit erfolgt ist – zu einer Zeit, als Krankenhäuser und Universitäten es ablehnten, emigrierte jüdische Mediziner, die zurückkehren wollten, aufzunehmen." Zu vieles sei unter den Teppich gekehrt worden und ungesühnt geblieben. Sie erinnerte an den Fall des SS- und Euthanasie-Arztes Heyde, der unter dem Namen Sawade jahrelang unbehelligt in Schleswig-Holstein praktiziert hatte. Bestraft worden sei damals (wegen "übler Nachrede") nur der Reporter der Frankfurter Rundschau, Volkmar Hoffmann. Er hatte in diesem Zusammenhang dem früheren Landesministerpräsidenten Mitwisserschaft vorgeworfen.
Schmidt wollte ihre Ausführungen nicht als Kritik an den heute Verantwortlichen verstanden wissen, jedoch als notwendigen Bestandteil einer kritischen historischen Analyse, die bis in die jüngste Zeit reicht. Die Ministerin würdigte das Forschungsprojekt der KV Berlin, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesärztekammer sowie des Deutschen Ärzteverlages als "wichtig". Mehrmals unterstrich sie die Notwendigkeit, über die Nazivergangenheit aufzuklären und verband dies auch mit Hinweisen darauf, dass etwa die Neue Synagoge inzwischen wieder unter Polizeischutz stehe oder Neonazis in einzelnen Länderparlamenten vertreten seien: "Niemand in Deutschland", so Ulla Schmidt, "darf sich damit entschuldigen, aus Protest Nazis zu wählen. Es gibt viele demokratische Möglichkeiten, Protest deutlich zu machen."
Das Bundesgesundheitsministerium selbst hat mit KBV und BÄK zusammen einen mit 10.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis für Arbeiten "zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus" ausgelobt. Die Initiative dazu ging vom Staatssekretär des Ministeriums, Dr. Klaus Theo Schröder, aus.
Der "Hausherr" der "Stiftung Neue Synagoge Berlin / Centrum Judaicum", Dr. Hermann Simon, sagte, dass dies bereits die dritte Gedenkveranstaltung ihrer Art sei und hofft, dass daraus eine Tradition entsteht. Für ihn ist dies der richtige Ort des Gedenkens und Erinnerns an das Leid, das Juden im Nazi-Deutschland zugefügt wurde.
(Quelle: KV Blatt 12/2006)