Die Neue Streitbarkeit des KV-Vorstands

19 Monate nach ihrem amtsantritt verbreitet die "KV-Dreifaltigkeit", wie die hauptamtlichen KV-Vorständler Angelika Prehn, Uwe Kraffel und Burkhard Bratzke bisweilen genannt werden, immer noch jendes Selbstbewusstsein, das sie bereit in der Nacht ihrer Wahl ausstrahlten, als sie im stürmischen Herbstwind für eni KV-Titelfoto auf dem Dach der KV posierten.

19 Monate, bald also zwei Jahre, und damit das erste Drittel ihrer Amtszeit. Zugegeben – ein willkürlich gegriffener, aber sicher kein unpassender Zeitpunkt, nach einer ersten Zwischenbilanz zu fragen: Der politische Druck auf die KVen wird immer größer, ihre Akzeptanz unter den Mitgliedern wird allgemein als nicht sonderlich hoch angesehen und obendrein zerren die jüngsten Eskapaden der Gesundheitsreform und mit ihnen KV-kritische Verbände an der Glaubwürdigkeit des ganzen Systems. KVen als Mangelverwalter, als verlängerter Arm des Staates?

Wie fällt unter solchen Umständen eine Bilanz vor Ort aus? Selbstbewusst. Soviel ist nachzulesen. Auch ein bisschen trotzig, wenn man darin Metaphern wie die eines KV-Dampfers entdeckt, der sich doch bewegt. Und die Themen der Bilanz? Fast alles Reizworte, die andere wie eine Monstranz zur Rechtfertigung ihrer Systemkritik vor sich hertragen: Verträge und Honorar, Arzneimittelrestriktionen oder die KV-Verwaltung. Gesamtvergütungen sind gedeckelt, die Honorare zu niedrig, die Arzneimittelrichtgrößenprüfungen sind eine einzige Gängelei und sowieso der Abgesang auf die ärztliche Therapiefreiheit und erst die KV-Verwaltung.

Immerhin – wo sich nichts beschönigen lässt, macht die Vorstandsbilanz erst gar nicht den Versuch einer Rechtfertigung. An der gedeckelten Gesamtvergütung können wir nichts machen, die Vergütungsbegrenzung kommt vom Gesetzgeber, heißt es beispielsweise. Also richtet sich der Blick auf die Nuancen: Es gibt eine härtere Gangart, das ist allenthalben spürbar. Immer öfter platzen Gesamtvergütungsverhandlungen, landen dann vor dem Schiedsamt. "Einen Konsens um den Konsens willen wird es nicht mehr geben", sagt KV-Chefin Angelika Prehn. Und wenn die Vertreterversammlung ihre Androhung wahr macht, künftig keine Gesamtvergütungszuwächse mit Zweckbindung (eine beliebte Spielart der Ersatzkassenverbände) mehr zu akzeptieren, dann dürfte der Druck noch größer werden, nach dem Motto: Das bisschen Geld, das uns der Gesetzgeber und die Krankenkassen bei den Gesamtvergütungen zugestehen, soll nicht auch noch zur Finanzierung von zusätzlichen Leistungen umgeleitet werden. Immerhin – etwas mehr Geld kommt dabei heraus, auch wenn dieses bei den Ärzten gar nicht mehr ankommt, weil immer noch zu viele Versicherte zu so genannten Billig-Kassen mit niedrigeren Kopfpauschalen abwandern.

Kleine Sensationen

Ein bisschen Stolz klingt hingegen bei der Schilderung der Situation außerbudgetärer Verträge durch, beispielsweise beim DMP Diabetes mellitus Typ 2. Auch hier wurde hart verhandelt und hoch gepokert. Die Sache endete mit einer kleinen Sensation: 7 Millionen Euro mehr für die Versorgung von Diabetes-Typ-2-Patienten. Einen ähnlichen Paukenschlag gab es zuvor bei den Verträgen zum Ambulanten Operieren. Wochenlang streikten Operateure und Anästhesisten, weil die Krankenkassen sich nicht bewegten. Der Vorstand blieb stur, die Vertreterversammlung sowieso, und als die Krankenkassen den Operateuren und Anästhesisten dann den Geldhahn abdrehten, ließ der KV-Vorstand die Abschlagszahlungen weiterlaufen, Verbände und Facharzt.de organisierten einen Solidaritätsfonds und am Ende mussten die Krankenkassen einlenken. Optimal sind die Punktwerte für AOPLeistungen auch heute noch nicht, aber einen spürbaren Sprung nach oben hat es gegeben. Und die Arzneimittelausgaben für dieses Jahr sind auch so ein Punkt, den der hauptamtliche Vorstand unter "Strategie aufgegangen" subsummiert: Kassen und KV kamen nicht zusammen. Die Kassen wollten die Ausgabenobergrenze für Arzneimittel drücken, weitere Sanktionsmechanismen gegen Richtgrößenüberschreiter festschreiben und obendrein eine Aufrechnung des Überschreitungsbetrags mit der Gesamtvergütung erreichen. Die KV wollte das nicht. Die Verhandlungen platzten, gingen vor das Schiedsamt. Das Ergebnis? Die Ausgabenobergrenze liegt nach dem Schiedsamtsspruch viel näher an der ursprünglichen  Forderung der KV als an der zugestandenen Summe der Krankenkassen. Zusätzliche Sanktionsmechanismen für Richtgrößenüberschreitungen, wie sie die Kassen durchsetzen wollten, gibt es ebensowenig wie eine Verrechnung der Überschreitung mit der nächsten Gesamtvergütung.

Vorstand auf Taubenjagd geschickt

Geht doch!, sagen die einen. Wie ist das möglich?, fragen die anderen und führen ins Feld, dass sich die ökonomischen Voraussetzungen der Kassen seit der letzten Legislaturperiode eher verschlechtert denn verbessert hätten und auch das Personal auf beiden Seiten kaum gewechselt habe. Vielleicht der Stil? "Ganz sicher", sagt KV-Vize Uwe Kraffel: Früher sei die Risikobereitschaft, Verhandlungen scheitern zu lassen, geringer gewesen, "nach dem Motto, lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Heute“, lacht er, "schickt uns die Vertreterversammlung auf Taubenjagd."

Ein Spiel mit verteilten Rollen? Schwer zu sagen. Immerhin macht diese Vertreterversammlung dem Vorstand das Leben nicht gerade einfach. Andererseits war es ein Wahlversprechen der Hausärzte wie der Fachärzte, die Leitung der KV so transparent wie möglich zu machen. An diesem Transparenzversprechen lassen sich Prehn, Kraffel und Bratzke allerdings auch gerne messen, wie man ihrer Bilanz entnehmen kann: Verhandlungen werden nachvollziehbar und unter Beteiligung der betroffenen Fächer geführt, bei komplexen Themen gibt es Zwischenberichte an das Ärzteparlament. Bei den Auseinandersetzungen um die AOP-Verträge, um das DMP Diabetes mellitus Typ 2 hat sich dies offenbar ausgezahlt.

Interessant sind Transparenz und Kooperation aber auch unter einem anderen Gesichtspunkt: Als während der diesjährigen Protestwochen im Februar und im Juni jeweils Tausende Arztpraxen tageweise geschlossen blieben, die Sicherstellung durch den KV-eigenen Bereitschaftsdienst erfolgte, da zeigte sich die KV von einer Seite, die ihr ehedem kaum jemand zutraute: Sie organisierte einen Fortbildungsmarathon, der ihr die Ärzte in Scharen ins Haus trieb. Das brachte ihr später den Vorwurf der Aufsicht ein, damit die Praxisschließungen bewusst oder mindestens billigend in Kauf genommen zu haben. Kassen und Staatsaufsicht wähnten das Sicherstellungsgebot der ambulanten Versorgung in Gefahr, ließen sich schildern, ob und wie trotz alledem dem Gesetzesauftrag Genüge getan werde. Seitenlang argumentierte der Vorstand, alles gehe seinen Gang. Wer im Norden keinen Arzt fände, könne – wenn es denn eilig sei – auch in den Süden der Hauptstadt fahren und umgekehrt. Bus- und Bahnverbindungen seien in Berlin so gut wie sonst nirgendwo organisiert.

Als das AVWG in Kraft trat und der Vorstand sich wegen der Kritik der Ärzte an alle Bundestagsabgeordneten wandte, begleiteten freie Verbände dessen Protest mit Praxisinformationen und einem Spot im Berliner U-Bahn-Fernsehen. Der Protest (O-Ton: "Frechheit") aus dem Bundesgesundheitsministerium folgte postwendend, sowohl gegen die KV, die dem Spot mit ihrer harschen AVWG-Kritik die Grundlage lieferte als auch gegen die Auftraggeber. Die Sache gelangte in die Medien und machte sogar im Ostfriesischen Furore, wie Rückmeldungen zeigten.

Und noch während diese Zeilen geschrieben wurden, tauchte vor dem Hintergrund der jüngsten Auseinandersetzungen zur Gesundheitsreform ein druckfrischer Aufruf auf, sich am bundesweiten 4. Nationalen Protesttag in Berlin zu beteiligen. Unterschrift: "Der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin". Vorstandsmitglied Burkhard Bratzke spricht von einer "Neuen Streitbarkeit". Augenscheinlich agiere der neue Vorstand politisch nachhaltiger. In Berlin jedenfalls, so seine Einschätzung, "bewegt sich der Dampfer zügig in Richtung einer Interessenvertretung für ihre Mitglieder"

(Quelle: KV Blatt 10/2006)

Autor: KV-Blatt-Redaktion | Erstellt am: 01.10.2006

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