KBV-Umfrage: So denken Deutschlands Patienten über ihre Ärzte

Deutschlands niedergelassene Ärzte genißen unter ihren Patienten offenbar einen viel besseren Ruf , als dies in Alltagsdebatten den Anschein hat. Ob bei den Wartezeiten, der fachlichen Kompetenz oder der Freundlichkeit der Praxismitarbeiter - überall gab es meinst gute Noten. Die andere Seite der Medaille: Fast jeder siebte Befragte hat auch darüber nachgedacht, sich über seinen Arzt zu beschweren.

Knapp drei Wochen lang haben über 100 Interviewer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen 4.315 Männer und Frauen in der ganzen Bundesrepublik am Telefon befragt, jung wie alt, Versicherte auf dem flachen Land ebenso wie in der Großstadt. Dazu beauftragt wurden sie von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die wollte wissen, wie der Patient über seinen Arzt und über die Struktur der ambulanten medizinischen Versorgung denkt. Zusammen mit einer im Herbst geplanten Umfrage unter Ärzten und Psychotherapeuten sollen die Ergebnisse dieser Patientenbefragung "die Richtschnur für unser künftiges Handeln sein", wie die oberste Kassenarztzentrale mitteilte.

Doch KBV-Chef Andreas Köhler machte bei der Vorstellung der Ergebnisse Mitte August in Berlin keinen Hehl daraus, dass ihm die großenteils guten oder zumindest akzeptablen Ergebnisse der Befragung auch in der aktuellen Auseinandersetzung ganz gut in den Kram passen. Immerhin kann er jetzt mit einigen Ladenhütern und Dauerbrennern unter den politisch motivierten Vorwürfen gegen die niedergelassenen Ärzte aufräumen, beispielsweise den Wartezeiten bei Facharztterminen. Köhler: "Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass die Vorwürfe der Gesundheitsministerin, Patienten müssten in Deutschland oft unzumutbar lange auf Termine – vor allem beim Facharzt – warten, weitgehend unbegründet sind.2

Facharzttermine: Die Mehrheit wartet nicht länger als drei Tage

Tatsächlich hat die Umfrage ergeben, dass fast 70 Prozent der Patienten nicht länger als eine Woche, 55 Prozent sogar nur maximal drei Tage auf einen Facharzttermin warten. Schwere Kost für Ulla Schmidt? Immerhin genießen die Meinungsforscher aus Mannheim einen sehr guten Ruf, den sie bei Wahlprognosen und Hochrechnungen oft genug unter Beweis gestellt haben. So ließ es sich der Chef des Instituts, Matthias Jung, auch nicht nehmen, die Ergebnisse persönlich vorzustellen. Spannend genug waren sie schließlich, wie Jung selbst einräumte. Beispielsweise die Tatsache, dass 85 Prozent aller repräsentativ Befragten angaben, ihr Weg zum Hausarzt sei maximal 15 Minuten lang. Angesichts der Debatten um die zunehmende Ausdünnung der Ärzteversorgung
auf dem Land, im Osten mehr als im Westen, ein bemerkenswertes Resultat.

Hohe fachliche Wertschätzung

Auch das Ergebnis, wonach insgesamt 93 Prozent der Befragten ihren Ärzten eine "gute" oder gar "sehr gute" fachliche Kompetenz bescheinigen, passt nicht zu der immer wieder in Zweifel gezogenen Qualifikation der Mediziner, die der früheren rot-grünen Bundesregierung immerhin als Grundlage dafür diente, einen Mindestumfang für ärztliche Fortbildung ins Gesetz zu schreiben. Überraschend auch dies: Während die schwarz-rote Bundesregierung die Pflicht der Krankenkassen zum Angebot von Hausarztmodellen ausweiten will, scheinen die Patienten längst von sich aus Fakten geschaffen zu haben: Nicht weniger als 93 Prozent der repräsentativ Befragten haben bereits einen Hausarzt, den sie bei Krankheit oder in sonstigen medizinischen Angelegenheiten konsultieren. KBV-Chef Köhler zeigt sich zufrieden: "Die Diskussionen um Hausarztmodelle sollten wir jetzt langsam mal beenden.2

Doch die Umfrageergebnisse bieten auch Stoff zum Nachdenken: 15 Prozent der Befragten, die in den letzten 12 Monaten so unzufrieden waren, dass sie sich beschweren wollten, fallen ebenso als Negativposten auf, wie jene 11 Prozent, die aus Unzufriedenheit ihren Arzt gewechselt haben.

Zu viele gehen noch ins Krankenhaus

Zu hohe Kosten hatte die KBV im Hinterkopf, als sie kritisch anmerkte, dass immerhin 29 Prozent der Notfallpatienten unter den Befragten angaben, zuerst das Krankenhaus aufgesucht zu haben. KBV-Chef Köhler: "Das ist schlicht zu teuer." Man müsse darüber nachdenken, wie man die eigenen ambulanten Bereitschaftsdienst- oder Notfallangebote noch besser als bisher bekannt macht, vielleicht sogar mit einer bundeseinheitlichen Telefonnummer. Auch das Thema Wartezeiten in der Arztpraxis war Gegenstand der Umfrage: Zwar warteten 40 Prozent der Befragten bei ihrem letzten Arztbesuch gar
nicht oder nur bis zu einer Viertelstunde, jedoch saßen 30 Prozent eine halbe Stunde und 18 Prozent bis zu einer Stunde und 11 Prozent bis zu oder mehr als zwei Stunden, bis sie an der Reihe waren, egal ob beim Hausarzt oder Facharzt. Allerdings: Privatpatienten warteten vergleichsweise weniger als Kassenpatienten. Auch wenn die KBV dagegenhält, dass ein Teil der Praxen keine festen Termine vergibt und in anderen Praxen Patienten auch ohne Terminabsprache kommen, hält sie dieses Ergebnis für nachdenkenswert. Patientenbefragungen sollen in der Zukunft wiederholt werden, um Veränderungen feststellen zu können. Die Ergebnisse der KBV-Umfrage werden auch auf Berlin "heruntergebrochen" und der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Auswertung lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. Wir berichten in der nächsten Ausgabe.

(Quelle: KV-Blatt 09/2006)

Autor: KV-Blatt-Redaktion | Erstellt am: 01.09.2006

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