Um ihre Rolle im Nationalsozialismus aufzuarbeiten, hat die Kassen-
ärztliche Vereinigung (KV) Berlin ein bundesweit getragenes For-
schungsprojekt ins Leben gerufen, das 2009 erfolgreich abgeschlos-
sen wurde. Sein Titel: "Anpassung und Ausschaltung - Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus". Die Ergebnisse des Projekts wurden in einer Veranstaltung am 3. November 2009 öffentlich vorgestellt.
Das Forschungsprojekt
Hintergrund des Projekts
Am 30. September 1938 entzogen die Nationalsozialisten per Gesetz allen jüdischen
Ärzten ihre Approbation. Damit erreichte die bislang seit 1933 begonnene
Ausgrenzung jüdischer Ärzte eine neue Dimension: sie wurde von staatlicher
Seite systematisiert. Nur wenige jüdische Ärzte erhielten eine Genehmigung,
als sogenannte „Krankenbehandler“ weiterhin – ausschließlich
– jüdische Patienten behandeln zu dürfen.
Forschungsauftrag
Ziel des im Juli 2005 begonnenen Forschungsprojekts war es, die Mitverantwortung
der Ärztefunktionäre für die Durchsetzung der NS-Gesundheitspolitik
zu beleuchten. Die Arbeitsweisen und Aufgaben der Berliner Verwaltungsstelle
der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD), der Vorgängerorganisation
der KV Berlin, sollten ebenso dargestellt werden wie die Konsequenzen nationalsozialistischer
Gesundheitspolitik für den Arztregisterbezirk Berlin. Dabei galt es herauszufinden,
welche Rolle die kassenärztliche Standesvertretung – speziell die
KVD Landesstelle Berlin – bei der Verdrängung und Vertreibung der
jüdischen Kollegen aus deren Arztpraxen gespielt hat.
Zeitgleich wurden mit diesem Forschungsprojekt die Lebenswege der jüdischen
Berliner Ärzte erforscht. Ziel war es, den Opfern ihre Namen zurückzugeben
und die Menschen hinter diesen Name sichtbar zu machen.
Von 2005 bis Mitte 2009 fand die eigentliche Forschungsarbeit am Institut für
Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
statt.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit diesem brisanten Thema kam es zu zahlreichen
Vortragsreihen in der KV Berlin. 2002 organisierte die KV Berlin erstmals auch
eine Gedenkveranstaltung zu Ehren der jüdischen Kollegen, die von 1933
bis 1945 unter der NS-Herrschaft zu leiden ihre Existenz und zum Teil auch ihr
Leben verloren hatten. Diese alle zwei Jahre stattfindende Gedenkveranstaltung
ist mittlerweile fester Bestandteil im Terminkalender von Politik und Ärzteschaft
geworden.
Im September 2008 wurde anlässlich des 70. Jahrestages des Approbationsentzuges
für jüdische Ärzte (Oktober 1938) eine elektronische Gedenktafel
in der KV Berlin eingeweiht. Auf ihr werden die Namen aller bislang recherchierten
jüdischer Ärzte, die von 1933 bis 1945 in Berlin verfolgt, entrechtet
und ins Exil oder in den Tod getrieben wurden, projiziert.
Anfang November 2009 fand das KV-Forschungsprojekt auf einer Gedenkveranstaltung
seinen vorläufigen Abschluss. Dr. Schwoch präsentierte in Anwesenheit
der Gesundheitsministerin a.D. Ulla Schmidt (SPD) und der Vorsitzenden der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin, Lala Süßkind, die Ergebnisse des Forschungsprojekts.
Ergebnisse des NS-Forschungsprojekts
Die Institutionengeschichte der KVD-Landesstelle Berlin
Dr. Rebecca Schwoch und Dr. Judith Hahn haben gemeinsam in über dreijähriger
Recherchearbeit das Buch „Anpassung und Ausschaltung – Die Berliner
Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus“ erarbeitet. Trotz
schwieriger Quellenlage haben sie die Geschichte der Berliner Kassenärztlichen
Vereinigung zur NS-Zeit präzise herausgearbeitet. Sie stellen in ihrem
Buch dar, wie die Vertreibung der jüdischen Berliner Kassenärzte durch
die damaligen Standesvertreter im Einzelnen vor sich ging: Die Neubesetzung
der Vorstandspositionen mit faschistisch gesinnten Ärzten war dabei der
erste Schritt hin zu einer engen Verflechtung der kassenärztlichen Standesvertretung
mit dem NS-Herrschaftssystem. Aber auch das Gros der Kassenärzte hat die
Ausschaltung der jüdischen Kollegen und die für diese existenzvernichtenden
Verordnungen, die von der Vorgängerinstitution der KV Berlin erlassen bzw.
umgesetzt wurden, billigend in Kauf genommen. Viele haben eigene Vorteile daraus
gezogen.

Judith Hahn / Rebecca Schwoch
Anpassung und Ausschaltung.
Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus.
Verlag Hentrich & Hentrich Teetz/Berlin,
1. Auflage 2009
ISBN 978-3-941450-09-7, Preis: 19,80 €
Das Gedenkbuch
Dr. Rebecca Schwoch hat zudem im Rahmen des Forschungsprojekt eine Kollektivbiographie
mit dem Titel „Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal
im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch“ herausgegeben. Die Medizinhistorikerin
recherchierte 2.018 Biografien von jüdischen Kassenärzten in der Hauptstadt
und erforschte deren Lebenswege. Sie selbst resümiert ihre Arbeit: „Jeder
Name in diesem Gedenkbuch steht für einen Menschen, dessen Leben einmalig
war. Das Gedächtnis bewahrt dem Einzelnen jene Identität, die ausgelöscht
werden sollte oder ausgelöscht wurde.“ Anhand der Einzelschicksale
der Ärzte wird deutlich, welche spürbaren Konsequenzen sich aus ihrer
jüdischen Herkunft – auch in ihrem Berufsalltag – ergaben und
wie sie Opfer von Ausgrenzung und Vertreibung wurden.
Das Gedenkbuch vervollständigt die Licht-Gedenktafel im Foyer der KV Berlin
und liegt auf einem Pult aus. Zu jedem vorüberfließenden Namen in
der Lichtprojektion kann der Lebensweg nachgelesen werden. Damit gedenkt die
KV Berlin aller Ärzte, die verfolgt, entrechtet und ins Exil oder den Tod
getrieben wurden.

Rebecca Schwoch (Hrsg.)
Berliner Jüdische Kassenärzte und ihr
Schicksal im Nationalsozialismus.
Ein Gedenkbuch.
Verlag Hentrich & Hentrich Teetz/Berlin,
1. Auflage 2009
ISBN 978-3-941450-08-0, Preis: 38,– €
Projekt-Kosten von mehreren Partnern getragen
Die Kosten des Forschungsprojekts unter Leitung von Dr. Rebecca Schwoch vom
Institut für Geschichte und Ethik der Universität Hamburg, mit dem die KV Berlin
bereits im Jahr 2002 die Zusam-
menarbeit gestartet hat, beliefen sich auf 200.000 Euro. Die KV Berlin hat sich
sich mit einer Sammlung von Privatspenden zahlreicher Ärzte und interessierter
Bürger daran beteiligt. Der Deutsche Ärzteverlag/Deutsches Ärzteblatt steuerte
60.000 Euro bei, die Kassenärztliche Bundesvereinigung 50.000 Euro und die Bundesärztekammer
10.000 Euro.
(Quelle: KV Berlin)